Am rande des tourismus

Utopien und wirklichkeiten des tourismus abseits der ausgetretenen pfade

Marie Delaplace - Maria Gravari-Barbas

Zusammenfassung
Die Akteure, zwischen Angeboten abseits der ausgetretenen Pfade und Institutionalisierung
Fazit
Literaturangaben
Autor
 

Zusammenfassung

„Jeder Reisende verfolgt ein Gespenst, das ihm immer wieder aufs Neue entkommt. Er hofft unablässig darauf, eine neue Lebensweise zu entdecken, die sich grundlegend von den ihm vertrauten Lebensweisen unterscheiden werde. (…) An den Orten, die jedermann kennt, auf den ausgetretenen Pfaden, findet er niemals das, was er sucht. Auf ihren Wegen, in welchen Teil der Erde sie auch führen mögen, leben Männer und Frauen stets ungefähr auf dieselbe Weise und es gibt kein ‚Sesam, öffne dich!’, das ihnen Zugang zu ihrem verborgenem Wesen eröffnen könnte. Aber vielleicht abseits der ausgetretenen Pfade, an den kleinen entlegenen Orten, wo die Hotels abscheulich sind (…), vielleicht an den Orten, wo es überhaupt kein Hotel gibt, sondern nur Hütten (…), vielleicht an den Orten, wo man sein eigenes Zelt aufbauen und Träger mitnehmen muss, die mit allerlei Vorräten beladen sind (…), vielleicht dort, wo es nur Dschungel gibt und Blutegel, Schlangen, Abgründe und Vampire und manchmal Pygmäen mit einem Röhrchen und mit giftigen Pfeilen ... Vielleicht ... Aber mitten unter Krokodilen und Kannibalen wird Ihnen das Geheimnis noch einmal entgleiten. Das Leben bleibt, auch in diesem Fall, grundsätzlich dasselbe“ (ins Deutsche übersetzt aus der französischen Ausgabe. 
A. Huxley, 1926

Ebenso wie sich die Grenze nicht unabhängig von den Ländern oder Gebieten, die von ihr getrennt werden, fassen lässt, so kann der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade nur untersucht werden, indem man auch den Tourismus auf ausgetretenen Pfaden betrachtet. Aber gibt es denn einen Tourismus der ausgetretenen Pfade? Spontan kommen einem die überfüllten Strände Südfrankreichs in den Sinn – und Horden von Touristen, die den Mont Saint-Michel erklimmen oder die Tempelanlagen von Angkor erstürmen wollen. Die ausgetretenen Pfade wären demnach die Welt der Vielzahl und abseits der ausgetretenen Pfade wäre die Welt des Individuums oder der kleinen Gruppe. Aber kann die Vielzahl ausreichend sein, um die ausgetretenen Pfade zu charakterisieren – die Isoliertheit, welche die Vielzahl nicht ist?

Mit der Vielzahl in Verbindung gebracht wären die Orte des Tourismus der ausgetretenen Pfade bereits erkundete, in ihrem Reiz erschöpfte, beschriebene Orte – kurz gesagt, Orte, die keinerlei Möglichkeit zur Entdeckung mehr bieten. Im Gegensatz dazu wären die Orte abseits der ausgetretenen Pfade solche Orte, die man sich abgelegen, unzugänglich, unversehrt und noch voller Geheimnisse vorstellt. Aber weil unsere Welt endlich ist, verringert sich die Anzahl der zu entdeckenden Pfade und der neuen Wege – und wird es nicht darauf hinauslaufen, dass der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade verschwindet?

Man muss feststellen, dass der Tourismus „abseits der ausgetretenen Pfade“ ebenso wie der Tourismus „der ausgetretenen Pfade“ in Raum und Zeit unterschiedlich sind, denn ontologisch betrachtet sind beide in bestimmte Kontexte eingebunden. Somit wird das, was heute abseits der ausgetretenen Pfade liegt, morgen verschwinden. Wie es verschiedene Autoren in diesem Themenheft unterstreichen, kommt es manchmal sehr wohl zur Institutionalisierung eines Tourismus, der zuvor als abseits der ausgetretenen Pfade erachtet wurde – die Institutionalisierung, wenn nicht die Vermassung sind sogar die festgeschriebene Zukunft von Orten abseits der ausgetretenen Pfade, die sich als Erfolgsgeschichten der Tourismusentwicklung erweisen. Der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade besteht tatsächlich nur für eine Weile, für die Dauer seiner Entdeckung. Frei nach Mallarmé[1] könnte allein schon die Tatsache, einen Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade zu entdecken, dazu führen, dass der größte Teil der Freude an dieser Form von Tourismus verloren geht – denn diese Freude besteht ja gerade darin, den Tourismus nach und nach zu erahnen. So wird der Standort Tschernobyl (Yankovska, Hannam, 2014), der lange Zeit als eine Form des Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade erachtet wurde, seit 2011 zum Gegenstand einer offiziellen Öffnung für den Tourismus mit nunmehr legalen Führungen: „Tourism has a new frontier: the site of the world’s biggest civilian nuclear disaster.“[2] Schon jetzt haben die Destinationen abseits der ausgetretenen Pfade keine Grenzen, ebenso wie die von Touristen erfundenen Praktiken keine Grenzen zu haben scheinen, die manchmal von Tourismusakteuren angeboten werden, um das Außergewöhnliche zu zähmen und das Gewöhnliche wieder zu verzaubern.

Denn in der Tat ist das, was für die einen abseits der ausgetretenen Pfade liegt, für die anderen manchmal nur das neu verzauberte Alltägliche. In „Avant et après le(s) tourisme(s). Trajectoires des lieux et rôle des acteurs du tourisme ‘hors des sentiers battus’. Une analyse bibliographique“ (dt. „Vor und nach dem Tourismus bzw. den Tourismen. Entwicklungslinien von Orten und die Rolle von Tourismusakteuren ‚abseits der ausgetretenen Pfade’. Eine bibliographische Analyse“) befassen sich Aurélie Condevaux, Géraldine Djament und Maria Gravari-Barbas mit Literatur, die Praktiken, Akteure und Orte erkundet, die in diesem Bereich verortet sind. Sie schlagen uns vor, dass wir uns mit der in der Literatur häufig angesprochenen Annäherung von Gewöhnlichem und Tourismus beschäftigen. So stellen sie heraus, dass die Tourismusentwicklung von gewöhnlichen Orten einen Prozess der Verzauberung und des Perspektivenwechsels voraussetzt, der in einer Form der Distanzierung vom Gewöhnlichen besteht. Sie zeigen auch, dass – wenn es nicht neu ist, dass die Bewohner und diejenigen, die gemeinhin als lokale Gesellschaft bezeichnet werden, an der Tourismusentwicklung partizipieren – die Bewohner jedoch heute einen zentralen Akteur für diese Entwicklung darstellen. Die aktuelle Tourismusentwicklung von gewöhnlichen Orten stützt sich also auf Akteure, die ebenso gewöhnlich sind wie diese Orte – und zwar auf die Bewohner.

Wie wir in einem in Rahmentext unterstreichen, der in TEOROS erschienen ist (Gravari-Barbas, Delaplace 2015), kann der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade nicht als eine analytische Kategorie behandelt werden (Cravatte, 2009). Im Gegenteil ist es angemessen ihm den Status eines Forschungsobjekts zu verleihen, damit wir verstehen, wie die Werte und Kriterien, die mit diesem Konzept verbunden sind, konstruiert werden, sich bewegen und wo diese eingebunden sind (ebd.). Es ist im – und durch diesen – Zusammenhang ihrer Kennzeichnung als Orte oder Produkte eines Tourismus „abseits der ausgetretenen Pfade“, dass uns Letztere wertvolles Material für Analysen liefern: nicht etwa die als solche bezeichneten Orte oder Praktiken, sondern Repräsentationen der gesamten Kette von Akteuren und insbesondere Touristen sowie öffentlichen und privaten Entscheidungsträgern.

An diesen beiden Kategorien von Akteuren – in denen tatsächlich noch viele weitere enthalten sind – orientiert sich der Aufbau der Einführung des vorliegenden Themenheftes.

Der Tourist, auf der Suche nach den Rändern

Müsste man sich nicht von einer Charakterisierung der Orte abwenden und sich auf das Subjekt, den Akteur, den Touristen konzentrieren? Ist der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade nicht eher ein Blickwinkel, ein geistiger Zustand, eine Vorstellungswelt, eine Suche?

Touristen abseits der ausgetretenen Pfade wären dann also Bestandteile des Fortschritts und Wegbereiter!

Touristen wie auch Konsumenten verlangen nach Erlebnissen und Erfahrungen. Das erfahrungsbezogene Konsumieren ist gleichermaßen eine Suche nach Gefühl und Aufregung, nach Praktiken, die sich in etwas Gelebtes einschreiben (Pine II und Gilmore, 1998). Aber die Erfahrung muss keinesfalls immer eine Erfahrung abseits der ausgetretenen Pfade sein! Auch ist es nicht so sehr der Ort an sich, nicht der als abseits der ausgetretenen Pfade oder als auf diesen Pfaden definierte Verlauf des Weges, ebenso wenig die gelebte Erfahrung, die dafür ausschlaggebend ist, was als abseits der ausgetretenen Pfade erachtet wird und was nicht. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie man einen Weg geht, die dafür ausschlaggebend ist … Wie es Jean Scol (in diesem Themenheft) unterstreicht, ist das Zurücklegen der Wegstrecke – wenn dies auf dem Motorrad geschieht – sehr viel wichtiger als das Reiseziel. Auch Pascale Argod betont (in diesem Themenheft), wie sehr es Touristen, die abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs sind, für sich in Anspruch nehmen, dass sie sich von den markierten Wegen entfernen, um andere Orte zu entdecken. Es ist sehr wohl die besonderen Modalitäten, die dafür ausschlaggebend sind, ob eine Reise abseits der ausgetretenen Pfade verläuft oder nicht. Dementsprechend kann ein Tourist abseits der ausgetretenen Pfade zu einem Touristen auf den ausgetretenen Pfaden werden, sobald sich dessen Blickwinkel und dessen Praktiken verändern. Die Selbstbeobachtung von Dean MacCannell, in der er auf seine eigenen Schritte zurückblickt, trägt den Titel „Way off the Beaten Path—Or How I Became a Tourism Researcher“ und bietet eine außergewöhnliche Rückschau auf die Wege und Entwicklungspfade des Tourismus während der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts (in diesem Themenheft). Dabei hinterfragt und reflektiert er seinen eigenen Status als Tourist oder als Reisender. Er lädt uns dazu ein, den Weg abseits der ausgetretenen Pfade zu betrachten, der ihn zu dem geführt hat, was er geworden ist – zu einem Tourismusforscher. Er zeigt auf, wie wenig Bestimmungswörter und andere Adjektive, die an das Wort Tourismus angeschlossen werden, geeignet sind, um die Vielfalt des Verhaltens von Touristen zusammenzufassen, bei denen es sich vor allem um Menschen handelt, welche die Erfahrung ihres eigenen Lebens erleben. Darin stimmt er mit „La vie, là aussi, reste fondamentalement la même“ (dt. „Das Leben bleibt, auch in diesem Fall, grundsätzlich dasselbe“) von Aldous Huxley (1926) überein.

Brenda Le Bigot und Jean Scol sprechen (in diesem Themenheft) einleitende Praktiken an und nehmen in Anspruch, sich abseits der „ausgetretenen Pfade“ zu bewegen, wenn die erste Autorin die Weltreise in 365 Tagen als Backpacker untersucht und der zweite Autor die Geographie des Motorradtourismus. Die Lektüre ihrer Arbeiten erlaubt es, klar herauszustellen, wie sich diese einleitenden Praktiken nach und nach schließlich institutionalisieren können, wenn diejenigen, die einmal junge Backpackers oder junge Motorradfahrer waren, älter werden, einen anderen Blickwinkel einnehmen und tatsächlich dazu gebracht werden, dass sie nicht länger für sich beanspruchen, randständige Praktiken auszuüben oder ihre Ansprüche und ihre Werte von damals zu erfüllen … Diese Entwicklungen sind nicht nur generationsbezogen. Sie sind auch eingebunden in Raum und Zeit. Daher ist es keineswegs sicher, dass diese Praktiken abseits der ausgetretenen Pfade durch die jungen Generationen von heute erneuert werden, denn die Werte, die diese Praktiken damals geprägt haben, entsprechen nicht notwendigerweise denen von heute.

Die Abstecher abseits der ausgetretenen Pfade, die von den Autoren dieses Themenhefts untersucht werden, bleiben nicht ohne Auswirkungen – sei es für die Besucher oder für die Besuchten. In „L’effraction ou le sentiment hétérotopique en situation touristique. Une étude de deux cas limites de sortie du tourisme“ (dt. „Einbrechen oder das Gefühl der Heterotopie im Kontext des Tourismus. Eine Studie über zwei Grenzfälle des Ausstiegs aus dem Tourismus“) berichtet Hécate Vergopoulos (in diesem Themenheft) über einen Besuch der Stadt Paldiski in Estland und die Unterbringung in einem Haus im Dorf Chora auf der griechischen Insel Skyros. Dabei stellt er heraus, dass es für einen Touristen zum Problem werden kann, an einem Ort anwesend zu sein, der für jemand anderen alltäglich ist. Sofern der Gastgeber in die Anwesenheit des Touristen nicht eingewilligt hat, kann Letzterer diese wie ein „touristisches Einbrechen“ in die Kultur und das Leben der anderen erleben. So ist es tatsächlich im Fall des ersten geschilderten Besuchs die Wirklichkeit der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Bevölkerung, mit der sich die Touristen konfrontiert sehen und die sie dazu bringt, ihren eigenen Status als Touristen in Frage zu stellen. Im zweiten geschilderten Fall hat zwischen den Touristen und dem Eigentümer des Hauses keinerlei direkte Begegnung und keinerlei unmittelbare Verständigung stattgefunden, so dass der besuchte Ort es dem Touristen nicht erlaubt, vollständig zu einem Touristen zu werden.

Die Suche und das Streben der Touristen, auf die andere Seite des Spiegels zu gelangen (endlich kennenzulernen! Hinter die Kulissen zu schauen) und dabei auch eine Selbstbeobachtung zu leisten und sich selbst zu überwinden, beruht auf der Arbeit einer Poetisierung von Orten und Praktiken des Alltäglichen.

Und wenn diese Alltägliche nicht das Alltägliche der anderen, sondern das eigene Alltägliche wäre? Könnte der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade in einer Welt, die durch Geschwindigkeit, Mobilität und Bewegung geprägt ist, schließlich dazu führen, dass man bei sich zu Hause bleibt? In einer Interpretation dessen, was einige Wissenschaftler als „staycation“ (Germann Molz, 2009) bezeichnen, befasst sich der Beitrag „Quand la neige s’invite en ville“ (dt. „Wenn der Schnee plötzlich in der Stadt erscheint“) von Romain Bérard (in diesem Themenheft) mit dem „Tourismus in den eigenen vier Wänden“ – Orte des Alltäglichen werden zu touristischen Orten, sobald sie mit Merkmalen ausgeschmückt werden, über die sie gewöhnlich nicht verfügen. Entsteht das Gefühl, eine Erfahrung „abseits der ausgetretenen Pfade“ zu erleben, aus der – freilich durch eine erneut vollzogene Verzauberung (durch Schnee, durch eine bestimmte Stimmung, durch einen von einem lokalen „greeter“ geführten Besuch …) entstandenen – (Wieder-)Entdeckung von Orten des alltäglichen Lebens? Es ist die gesamte Tourismusgeographie mit ihrer Strukturierung entlang der grundlegenden Unterscheidung zwischen Orten des Alltäglichen und Orten abseits des Alltäglichen, die durch diese neuen Ansätze zur Untersuchung touristischer Praktiken hinterfragt werden kann (MIT, 2008).

Die Akteure, zwischen Angeboten abseits der ausgetretenen Pfade und Institutionalisierung

Wenn es sich bei den Touristen um Vorreiter und Pioniere handelt, die mit ihren Schritten oder mit einem erneuerten und noch nicht dagewesenen Blick neuartige touristische Praktiken hervorbringen, so entstehen die Angebote abseits der ausgetretenen Pfade doch auch durch institutionelle oder nicht-institutionelle Akteure (nationale oder lokale Entscheidungsträger, Vereinigungen, private Akteure, Verleger …). Sie sind es, die Sehnsüchte erwecken, die neue Perspektiven eröffnen, die dazu beitragen, Orte zugänglich zu machen …

Touristische Veröffentlichungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Reiseführer Lonely Planet stellt von Anfang an klar, dass das Abseits der ausgetretenen Pfade eine Frage der Einstellung ist. Der Reiseführer bestätigt also, dass es möglich ist, „off the beaten tracks … anywhere!“ zu sein. Er gibt Ratschläge, die es möglich machen „much like a detective, finding how and where to get off the beaten path, be that far from the tourist trail or directly on it requires looking for clues, following your gut, and taking a few calculated risks.“[3] Er regt dazu an, Leute anzusprechen, ziellos umherzugehen, Karten zu betrachten – nicht um den eigenen Weg zu finden, sondern um Orte aufzuspüren, an denen man noch nicht gewesen ist –und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, den Besuch unter ein Motto zu stellen, außerhalb der Saison und außerhalb der Hauptverkehrszeiten zu reisen, den Besuch nicht mit Programmpunkten zu überladen und durchaus ein paar Risiken einzugehen (Gravari-Barbas, Delaplace, 2015).

Diese Einladung zum Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade, die durch eine touristische Veröffentlichung wie der Lonely Planet vorangebracht wird, deutet auf eine mögliche Banalisierung hin, die mit einer Verallgemeinerung verbunden ist und zweifellos zu einer Institutionalisierung von dieser Form des Tourismus beiträgt. In ihrem Beitrag über „La médiatisation d’un tourisme ‚hors des sentiers battus’ dans une édition touristique créative“ (dt. „Die Vermittlung eines Tourismus ‚abseits der ausgetretenen Pfade’ in einer kreativen touristischen Veröffentlichung“) stellt Pascale Argod deutlich heraus, dass die Institutionalisierung des Abseits der ausgetretenen Pfade ihren Ausdruck auch in der Entwicklung von touristischen Veröffentlichungen findet. Die Vielfalt der von der Autorin herausgearbeiteten Formen steht gleichermaßen im Dienst einer Personalisierung der Reise und der Entdeckung des Anderen, wie sie auch als das Anzeichen für eine Verallgemeinerung und mögliche Vereinheitlichung der Praktiken erachtet werden kann.

Mehrere Autoren betonen die Spannung, die zwischen dem „in“ und dem „off“ von touristischen Angeboten besteht, die „abseits der ausgetretenen Pfade“ sein wollen. Diese Spannung wird durch Akteure erzeugt und aufrecht erhalten, deren Rolle eben darin besteht, Produkte und Orte „auf den Markt“ zu bringen, die eine Erkundung der Ränder darstellen. In zahlreichen Fällen handelt es sich dabei um eine regelrechte Konstruktion von touristischen Orten, die durch deren Gestaltung, durch deren Etikettierung und durch ein storytelling erzeugt wird.

In „Tourisme et maisons d’écrivain, entre lieux et lettres“ (dt. „Tourismus und Schriftstellerhäuser, zwischen Orten und Worten“) verdeutlicht Aurore Bonniot-Mirloup (in diesem Themenheft), wie ein Ort, der zunächst einmal keinerlei touristisches Interesse besitzt – denn es kann sich dabei um ein ganz gewöhnliches Haus handeln –, durch den Prozess einer Wertschätzung von Schriftstellern, die dort gewohnt haben, zu einem touristischen Anziehungspunkt gemacht werden kann. Dieser Ort, der zu einem Medium wird, das die Begegnung zwischen einem Vorstellungsbild – dem des Touristen – und einem literarischen Werk erlaubt, verwandelt sich also in die physische Verortung einer Utopie, die dem Besucher eigen ist, und die auf diese Weise zu einer Heterotopie wird. Diese Umwandlung wird selbstverständlich begleitet von einer Reihe von Dispositiven, die durch eine Kette von Akteuren bereitgestellt werden – ausgehend von nationalen Akteuren, die Qualitätssiegel verleihen, bis hin zu lokalen Akteuren, die für eine Wertschätzung des kulturellen Erbes ihrer Gemeinde eintreten möchten.

Chiara Rabbiosi zeigt in ihrem Beitrag über den partizipativen Tourismus in Mailand (in diesem Themenheft) anhand einer kritischen Analyse von zwei Initiativen (Piacere und MygranTour), wie es lokalen Akteuren und Vereinigungen gelungen ist, für Mailand neue Vorstellungsbilder von Orten zu erschaffen und neue Geographien des Tourismus zu rechtfertigen – abseits der ausgetretenen Pfade. Die kritische Analyse offenbart jedoch auch, dass es diesen Initiativen – auch wenn sie „bottom-up“ verlaufen – nicht gelingt, sich gänzlich von Stereotypen oder von der Reproduktion der äußerst klassischen touristischen Angebote abzugrenzen.

Fazit

Wie lassen sich diese komplexen Situationen heutzutage untersuchen? Condevaux, Djament-Tran und Gravari-Barbas haben den Begriff des Hyper-Tourismus eingeführt, der auf der Feststellung beruht, dass die neu aufkommenden touristischen Praktiken (Alternativtourismus, Tourismus „abseits der ausgetretenen Pfade“ usw.) nicht etwa den Besuch von touristischen Hochburgen ersetzen. Touristen, die sich für „alternative“ Formen des Tourismus interessieren (Cousin et al., 2015), tragen zugleich auch weiterhin zu den besonders klassischen Formen des Tourismus bei. Die These des „Hyper-Tourismus“ würde es also erlauben, dieser Anhäufung und Diversifizierung von Praktiken gerecht zu werden, der die Touristen in der gleichen Weise von einem eher am Mainstream orientierten Tourismus, der durch die von etablierten Anbietern kommerziell vertriebenen Produkte geprägt ist und sich auf etablierte touristische Orte konzentriert, zu einem alternativen Tourismus übergehen lässt. Der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade ist nicht das Gegenteil vom Massentourismus, sondern er verhält sich komplementär. Wie wir bereits oben erwähnt haben, ist das Wechseln vom einen Tourismus zum anderen manchmal lediglich mit einem Wechsel des Blickwinkels verbunden … Eher als eine post-touristische Situation offenbart sich daher eine hyper-touristische Situation, die durch eine Steigerung, eine Verallgemeinerung und eine Transversalität von touristischen Phänomenen in unseren nicht post-, sondern hyper-modernen Gesellschaften gekennzeichnet ist (Gravari-Barbas, Delaplace, 2015).

Die kritische Analyse einer Bibliographie, die von Condevaux, Djament-Tran und Gravari-Barbas (in diesem Themenheft) vorgestellt wird, untermauert, dass die touristischen Phänomene der Gegenwart durch eine Transversalität geprägt sind. Die Studie betont gleichermaßen die (historische!) Suche der Touristen mit dem Ziel, die Ränder der touristischen Ökumene immer weiter auszudehnen, wie auch die große Reaktivität von Tourismusakteuren, die nunmehr in der Lage sind, immer aufwändigere und stärker personalisierte Produkte anzubieten. Vor allem stellt die Untersuchung heraus, dass ein Wegfall von Vermittlungsinstanzen im Tourismus durch die digitale Wirtschaft ermöglicht wurde, aber auch durch die zunehmende Reife der Touristen, die ein immer größeres „touristisches Kapital“ erwerben (Darbellay et al., 2011), und oft auch durch die zunehmende Reife und Erfahrung der Bevölkerung, die als Gastgeber fungiert. Könnte die Vervielfältigung von möglichen direkten Begegnungen zwischen den einen (den Touristen) und den anderen (den Bewohnern), die durch die Entwicklung von Internet und sozialen Netzwerken auf Augenhöhe möglich wurde, dazu führen, dass die Differenzierungen aufgehoben werden?

Im Zusammenhang mit dem Hyper-Tourismus wird also ein neues Paradigma eingeführt, mit dessen Hilfe sich das Phänomen des Tourismus so verstehen lässt, wie es seit seinen Anfängen gefasst wurde. Dieses Paradigma erlaubt es, die Suche von Touristen nach Erfahrungen abseits der ausgetretenen Pfade als ein Überschreiten des touristischen Phänomens zu begreifen, wie es von der Forschung erfasst wurde. Für die Forschung ist es daher erforderlich, dass sie erneuert wird und dass wahrscheinlich auch die von ihr verwendeten Konzepte ebenso wie ihre Methoden und Werkzeuge erneuert werden.

So wird es möglich, dass der Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade neu im Kontext der Mobilitäten im Allgemeinen verortet wird. Diese Aussicht verspricht spannend zu werden!

Literaturangaben

Cousin S., Djament-Tran G., Gravari-Barbas M.,  Jacquot, S., 2015, Contre la métropole créative …tout contre. Les politiques patrimoniales et touristiques de Plaine Commune, Seine-Saint-Denis. Métropoles, 15 Politiques urbaines alternatives (2). Accessible sur : https://metropoles.revues.org/5171

Cravatte Céline (2009) L’anthropologie du tourisme et l’authenticité, Catégorie analytique ou catégorie indigène ? Cahiers d’études africaines, 1 (n° 193-194).

Darbellay F., Clivaz Ch., Nahrath S. Stock M., 2011, “Approche interdisciplinaire du développement des stations touristiques. Le capital touristique comme concept opératoire », Mondes du Tourisme, No 4, p. 36-48

Germann Molz, J., 2009, Representing pace in tourism mobilities: Staycations, Slow Travel and The Amazing Race. Journal of Tourism and Cultural Change 7(4), p. 270-286.

Huxley A., 1926, Tour du monde d’un sceptique, Petite bibliothèque Payot

Huret J., 1891, Enquête sur l’évolution littéraire, Stéphane Mallarmé, Bibliothèque-Charpentier, pp. 55-65.

Gravari-Barbas M., Delaplace M., 2015, Introduction Le tourisme urbain « hors des sentiers battus » Coulisses, Interstices et nouveaux territoires touristiques urbains, Teoros, 34, 1-2

MIT, 2008, Tourisme. Lieux communs, Belin Mappemonde

Pine II B. J., Gilmore, J. H., 1998, Welcome to the Experience Economy, Harvard Business Review, July August

Yankovska G., Hannam K., 2014, Dark and toxic tourism in the Chernobyl exclusion zone, Current Issues in Tourism, Vol 17, Issue 10, Pages 929-939

[1] Zitiert von Jules Huret, 1891.
[2] https://www.theguardian.com/world/2010/dec/13/chernobyl-now-open-to-tourists
[3]<http://www.lonelyplanet.com/travel-tips-and-articles/how-to-get-off-the-beaten-track-anywhere>, 18 Dezember 2015

Autor

Marie Delaplace,
 Lab’urba, UPEM
Maria Gravari-Barbas, 
EIREST, EIREST, Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne

 

Englisch > Deutsch Übersetzung

Tim Freitag, Universität Freiburg