Touristische Erfahrungen und Lebensverläufe. Beziehungen zur Nostalgie

Philippe Bachimon,
Université d'Avignon et des pays de Vaucluse,
Jean-Michel Decroly,
IGEAT – DGES – Université Libre de Bruxelles,
Rémy Knafou

Man meint sich genau an die Ferien vor 30 Jahren zu erinnern, an jeden einzelnen Tag, jede Landschaft, jede Gefühlsregung, aber dies sind nur Bilder, immer dieselben Bilder, die wir nach sehr persönlichen Kriterien ausgewählt und wieder zusammengefügt haben, wie eine Kamera, die den Film nur aus einem einzigen Blickwinkel aufnimmt, nur einen Teil der Kulissen (…). Ihr Gehirn nimmt eine Auswahl vor und behält nur das zurück, was ihm subjektiv als interessant erscheint (aus dem französischen Original ins Deutsche übersetzt).

Michel Bussi, Maman a tort, Paris, Presses de la cité, 2015

Einleitung

Während der letzten beiden Jahrzehnte hat sich eine zunehmende Anzahl von Arbeiten – ebenso in der angelsächsischen Welt (für eine Überblicksdarstellung siehe z. B. Sharpley und Stone, 2012), wie in der französischsprachigen (siehe z. B. Decroly, 2015) – der touristischen Erfahrung gewidmet. Abgesehen von ihrer sehr großen Vielfalt verbindet diese Arbeiten, dass sie beobachten, was Touristen während ihrer Aufenthalte oder im Zuge ihrer Mobilität empfinden. In diesem Sinne verstehen sie die touristische Erfahrung als eine Gesamtheit psychischer und physischer Zustände, die durch das hervorgebracht werden, was das Individuum vor, während und nach dem touristischen Aufenthalt erlebt. Die verwendeten Forschungsansätze sind also durch eine synchronische Perspektive geprägt. Ihr Fokus richtet sich auf das, was während der Mobilität oder des Aufenthalts geschieht, und bezieht möglicherweise auch die sich daraus ergebenden Vorbereitungen und Erinnerungen mit ein. Jedoch richten diese Arbeiten ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Art und Weise, wie sich die unmittelbare Erfahrung in die individuellen Lebensbahnen einschreibt, und inwiefern diese von dem früher touristisch Erlebten abhängt und auf künftige Erfahrungen Einfluss nimmt.[1]

Durch touristische Praktiken, die das Individuum im Laufe seines Lebens ausübt, sammelt es Erfahrungen, in dem es sich mit anderen … als den ihm oder ihr vertrauten … Orten, Personen, Kulturen und Situation konfrontiert sieht. Diese Anhäufung touristischer Kenntnisse und Kompetenzen weckt umso mehr Aufmerksamkeit, da das Rentenalter heutzutage von den ersten Generationen erreicht wird, die mehrheitlich aus Menschen bestehen, die ein mit verschiedenen touristischen Erfahrungen angefülltes Leben geführt haben, deren Dauer den alltäglichen Erfahrungen in quantitativer Hinsicht nahekommt (Viard, 2006). Diese ganz neue Situation lädt dazu ein, über die Einzigartigkeit des touristischen Erlebens gegenüber anderen Erfahrungen des Lebens nachzudenken, wie auch über die Art und Weise, wie dieses touristische Erleben im Laufe des Lebens konstruiert wird, über das Verhältnis von Tourismus und Nostalgie und schließlich auch über den Einfluss nachzudenken, den die Summe der touristischen Kenntnisse und Kompetenzen sowohl auf künftige Praktiken als auch auf die übrigen Aspekte des Daseins nimmt.

Einzigartigkeit der touristischen Erfahrung?

Den Überlegungen von D. MacCannell (1976) zu Folge wird die touristische Erfahrung häufig als ein einzigartiges Erlebnis verstanden, das losgelöst von dem ist, was das Individuum innerhalb des gewohnten Rahmens seines alltäglichen Lebens erlebt und empfindet. Dabei geht es darum, mittels der Fortbewegung zu einer „Begegnung“ des Andersseins zu gelangen, indem man sich Situationen aussetzt, die sich potentiell von denen des Alltags unterscheiden (Laplante, 1996). Diese Gegenüberstellung ist für das Individuum verbunden mit einem Moment der Öffnung, einem open time und open space, währenddessen die Einschränkungen auf ein Minimum beschränkt sind (oder auf diese Weise erlebt werden) und die Aufnahmebereitschaft – Neugierde, Aufmerksamkeit, Interesse – optimal ausgeprägt ist.

In diesem Sinne vermag die touristische Mobilität verschiedene Verzweigungen entstehen lassen. Durch eine vorübergehende Verselbständigung gegenüber dem Wohnort ermöglicht sie es, sich von den gewöhnlich gespielten Rollen, den besuchten Personen oder den Institutionen und den gesellschaftlichen Regeln zu distanzieren (Rémy, 1996). Zugleich lässt das Touristsein den Reisenden in der von ihm besuchten Destination zu einem outsider werden – zu einer Person, die nicht durch eine Beziehung der Vertrautheit mit den betreffenden Orten verbunden ist (Relph, 1976). Diese doppelte Verselbständigung, die gegenüber dem Herkunftsort ebenso wie gegenüber dem vorübergehend bewohnten Ort besteht, eröffnet demzufolge ein Fenster der Freiheit. Die touristische Fortbewegung wäre demnach gut geeignet, um neue Lebensstile auszuprobieren, weil man mit unbekannten Handlungsweisen (Löfgren, 1999) oder mit unerwarteten Situationen (Urbain, 2008) konfrontiert wird. Auch wenn sich Reisen auf überlegte Entscheidungen stützen (Wahl des Reiseziels, Reservierung von Verkehrsmittel und Unterkunft usw.), so enthalten sie doch immer etwas Unerwartetes, das an Entscheidungen in letzter Minute gebunden ist, an zufällige Begegnungen, aber auch an     Missgeschicke, die vielen Touristen vertraut sind (Urbain, 2008).

In dieser doppelten Hinsicht bietet jeder touristische Aufenthalt zumindest den Anlass zu neuen Errungenschaften – und zwar sowohl auf der Ebene von Fähigkeiten und Kenntnissen als auch im Bereich von Gefühlen und Empfindungen. Darin besteht ein Mehrwert der Ferien, der über die Erholung hinausgeht. Die Erfahrung bildet das auf diese Weise gewonnene Kapital und den mittels der Investition erwirtschafteten Ertrag. So kehrt der Tourist zweifellos zu seinem Ausgangspunkt zurück, aber er tut dies als ein anderer, was man mühelos bei der Begegnung mit denen erkennt, die „nicht das Glück hatten zu verreisen.“ Der Tourist bringt erlebte Andenken zurück, die er sich in Erinnerung zu rufen, zu erzählen, zu zeigen (Fotos, Tätowierungen usw.), zu behalten und sogar zu sammeln vermag. Diese gedanklichen oder materiellen Repräsentationen, die nach der touristischen Fortbewegung erhalten bleiben, dienen nicht nur gegenüber anderen als Beweis für die Wahrhaftigkeit einer Reise. Häufig vergegenwärtigen sie auch gegenüber dem Individuum, dass es in der Lage ist, die Vielfalt und das Unerwartete in seinen Alltag zu integrieren (Löfgren, 1999).

Seit mindestens drei Jahrzehnten ist der erfahrungsbezogene Mehrwert des Tourismus zum Gegenstand einer regelrechten Vermarktung geworden. Für die Anbieter – Reiseveranstalter, Leiter von Beherbergungsbetrieben, Betreiber touristischer Attraktionen – geht es darum, nicht eine Dienstleistung, sondern eine Erfahrung zu verkaufen. In diesem Sinne wird „Erfahrung“ übrigens von einem Teil der angelsächsischen Literatur verwendet (siehe z. B. Pine und Gilmore, 1999), der zufolge es darum geht, eine Erfahrung zu erleben, die durch die Inszenierung einer ursprünglich touristischen Dienstleistung vorbestimmt ist, wie z. B. eine Nacht in einem Gefängnis zu verbringen … das nicht mehr als solches genutzt wird. Selbstverständlich spielt das Prinzip der Anhäufung dabei eine sehr wichtige Rolle. Denn es geht darum, die Aufenthalte zu vervielfachen oder zu diversifizieren, um Lebenserfahrungen anzuhäufen, die man sonst niemals erleben wird, wenn wir etwa an das Gefängnis denken. Das sind „Krümel“ von anderen Lebenserfahrungen (die Armut eines Dorfes im Sahel, die natürliche Umgebung eines „unberührten“ tropischen Regenwalds usw.), um der eigenen Lebenserfahrung einen Sinn und Zusammenhalt zu geben.

Andererseits haben touristische Erfahrungen auch eine wiederherstellende Funktion: Denn während sie durch den bestehenden Gegensatz den banalen und sogar mühevollen Charakter des Alltäglichen verstärken, tragen sie doch dazu bei, den letzteren erträglich zu machen (Bourdeau, 2011). Zwei Bewegungen werden hier wirksam. Zunächst einmal vor dem Aufenthalt, während einer „Zeit der Überwinterung“, wenn das Individuum in seine Routine eingetaucht und in eine Art von Lethargie der eigenen Vorstellung eingetreten ist, dann macht die Antizipation der künftigen Fortbewegung das Dasein erträglich. In einer Zeit der gesellschaftlichen Beschleunigung (Rosa, 2012) hat diese Antizipation häufig eine heilbringende Wirkung, denn sie erlaubt es, mit der Hyperaktivität zu brechen, die das Alltägliche ausmacht. Auf das Gefühl, so viel zu tun zu haben, so viel Arbeit zu haben, dass man „nicht mehr die Zeit hat, um an sich selbst … oder an irgendetwas anderes zu denken!“ antwortet schließlich das als einvernehmliche Volksweisheit überlieferte Leitmotiv: „Hoffentlich gibt es bald Ferien, hoffentlich geht es bald in die Rente.“ Nachdem der Aufenthalt einmal vorüber ist, dann vermag das Individuum aus seiner touristischen Erfahrung eine erneuerte Lebenskraft ziehen, die es ihm leichter macht, seine Routinen wieder aufzunehmen.

Der einzigartige Charakter der touristischen Erfahrung wurde seit den 1990er-Jahren in Frage gestellt, zunächst aus der Feder von S. Lash und J. Urry (1994), dann aus der Feder ihrer Lobredner (siehe z. B. Uriely, 2005). Eingeschrieben in die postmodernistische Strömung blicken Erstere wie auch Letztere unter dem Begriff der Dedifferenzierung voraus auf die Idee einer zunehmenden Ähnlichkeit zwischen dem alltäglichen Leben und dem Tourismus. In den fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften verfügt das Individuum demnach über eine zunehmende virtuelle oder tatsächliche Zugänglichkeit in Bezug auf charakteristische Erfahrungen des Tourismus: gelegentlich vertiefte Entdeckung der „Hochburgen der Welt“ mittels Webcams oder anderen neuen Kommunikationstechnologien; Möglichkeit, in seinem vertrauten Lebensraum exotische Erzeugnisse zu konsumieren oder mit Personen in Berührung zu kommen, die aus weit entfernt gelegenen Ländern stammen, usw. Wie es P. Bourdeau (2011) in seinen Arbeiten über den Post-Tourismus vorschlägt, neigen touristische Fortbewegungen zudem dazu, einem Arbeitstag immer ähnlicher zu sehen – und dies vor allem, wenn man berücksichtigt, wie bedeutende Aufgaben dem Reisenden bei der Vorbereitung und Verwirklichung seines Aufenthalts übertragen werden (Recherche nach Vorabinformationen im Internet, online-Reservierung von Unterkünften, Ausdrucken von Fahrkarten usw.), aber auch in Bezug auf den manchmal irrsinnigen Aktivismus, den die Touristen unter Beweis stellen müssen.

Auch wenn das alltägliche Leben und der Tourismus immer stärker miteinander verflochten sind, so führen die touristischen Fortbewegungen und Aufenthalte doch eine zeitliche und räumliche Trennung innerhalb des Erlebten der Individuen herbei. Obgleich sie sich abschwächt, so nährt diese Trennung doch eine Erfahrung, die einzigartige Züge bewahrt: für jemanden aus Brüssel ruft ein Essen in einem japanischen Restaurant in Tokio während eines Aufenthalts in Japan nicht dieselben Gefühle und Empfindungen hervor wie ein Essen an einem Abend unter der Woche in Brüssel. Wie es Löfgren (1999) vorschlägt, entsteht durch die Konfrontation mit dem Anderssein nicht innerhalb, sondern außerhalb des Alltags eine einzigartige Verbindung zwischen den Individuen und den von ihnen konsumierten Produkte, den von ihnen geschaffenen oder unterhaltenen Verbindungen und den von ihnen besuchten Orten.

Die Konstruktion des touristisch Erlebten

Der erfahrungsbezogene Mehrwert und der Eindruck von Erholung, der sich aus einem touristischen Aufenthalt ziehen lässt, finden ihren Niederschlag in Körper und Geist der Individuen. Im Laufe der Jahre vollzieht sich die Anhäufung dieser post-urlaubsbezogenen Erfahrungen nach einem kumulativen Prinzip: während sie sich mit anderen Erfahrungen des Daseins vermischen, tragen diese Erfahrungen zur Errichtung eines Vorrats bei, der unablässig durch weitere Kenntnisse und Kompetenzen erneuert wird (Ceriani et al., 2004), aber auch durch Andenken. Auf der Betrachtungsebene eines gesamten Lebens wird die touristische Erfahrung entsprechend einer Ergänzungslogik aufgebaut, selbst wenn der Aufenthalt ein Fehlschlag war, wie es J.-D. Urbain (2008) erklärt. Diese Logik wird gleichermaßen verstärkt durch die mit dem Aufenthalt verbundenen Erwartungen und durch dessen spätere Erwähnung. Die „Pflicht, Ferien zu machen“ (Amirou, 2000), die dazu anregt, bisweilen entsprechend einer Logik des Stachanowismus, aus dem Aufenthalt einen Moment der Bereicherung durch Erfahrungen, die Entdeckung neuer Orte, neuer Kulturen oder einer andersartigen Kultur zu machen, Bereicherung zu machen, wird tatsächlich durch das Nachbereiten bei der Rückkehr erfüllt anhand des Fotoalbums, der Videovorführung oder der Reiseerzählung.

Während die dem Tourismus gewidmete Zeit mehr und mehr Raum im individuellen Leben einnimmt, vervielfachen sich die damit verbundenen erfahrungsbezogenen Abschnitte in serieller Form. In der Rückschau erscheinen diese Sequenzen wie eine Folge von Episoden von ein und derselben Geschichte, deren Inhalt noch einmal aufgeschrieben wurde, nachdem er seinen Weg durch das Sieb der Re-Konstruktion aus der Erinnerung genommen hat. Die Vielzahl und Verschiedenartigkeit der erlebten touristischen Erfahrungen bringt das Individuum dazu, deren faktische Reihenfolge zu vergessen oder die Andenken wie in einem Schlafzustand zu vermischen, was nicht geschehen kann, ohne dass der Tourismus mit dem verdinglichten Traum in Verbindung gebracht wird (besucht der Tourist denn nicht die Reiseziele seiner Träume!). Gleichwohl versteinern die am stärksten sinnbeladenen Tatsachen und die darauf basierenden Interpretationen, damit wir uns mit der Unveränderlichkeit der Resilienz zufrieden geben können. Ebenso tritt die abhanden gekommene Substanz der touristischen Erinnerung wieder in Erscheinung, um der Neugierde des anderen zu begegnen.

Die touristischen Erfahrungen folgen aufeinander und häufen sich im Laufe eines Lebens an, dessen Dauer fortwährend länger wird. Auf die (prägenden) Erfahrungen der Kindheit, mit den Eltern, den Erfahrungen der Heranwachsenden mit oder ohne Eltern folgen die Erfahrungen des Erwachsenenalters innerhalb erneuerter familiärer Konstellationen, daraufhin die Erfahrungen des Rentenalters usw. Jeder Mensch sammelt im Laufe seines ganzen Lebens unterschiedlich viele und unterschiedlich verschiedene derartige Erfahrungen, die sich nach einer großen Anzahl von (ökonomischen, gesellschaftlichen, psychologischen, gesundheitlichen usw.) Einflussfaktoren richten und sich – in einem Prozess der freien oder erzwungenen Rückerinnerung – mit den Erfahrungen vermischen, die andere Familienmitglieder, Freunde oder heutzutage auch Mitglieder derselben sozialen Netzwerke gemacht haben. Der zunehmende Einfluss von Letzteren hat übrigens zu einer Entwicklung des Status von Andenken und Erinnerung geführt: ein Teil des abhanden gekommenen Erinnerungsvorrats wird uns nämlich zugänglich gemacht, während es sich dabei früher um etwas Privates und sogar um intime Erinnerungen handelte (Bachimon, 2013).

Auch wenn nur wenig über die kumulative Konstruktion von Lebenserfahrungen bekannt ist, so handelt es sich doch nicht um ein vollkommen unberührtes Forschungsfeld. Seit den 1970er-Jahren wird die Frage auf dem Gebiet der leisure studies behandelt (Buse und Enosh, 1977; Kelly, 1974). Die in diesem Rahmen hervorgebrachten Arbeiten unterstreichen den entscheidenden Einfluss, den Praktiken der Kindheit auf spätere Praktiken ausüben. So zeigen mehrere Längsschnittanalysen, dass die im Erwachsenenalter praktizierten Tätigkeiten – egal, ob diese gesellschaftlich, künstlerisch oder sportlich sind – stark mit denen korrelieren, die während des Heranwachsens ausgeübt werden, und dies umso mehr, wenn die betreffende Praxis früher regelmäßig ausgeübt wurde (Scott und Willis, 1989; 1998). Damals wurde dieses Ergebnis im Rahmen des Lebenszyklusmodells interpretiert (Neugarten, 1977): angesichts der vielfältigen Veränderungen, mit denen sie beim Älterwerden konfrontiert sind (Partnerschaft, Geburt der Kinder, Entwicklung des Einkommens, Abnahme der körperlichen Fähigkeiten usw.), erhalten die Individuen die gedanklichen Strukturen (Ideen, Vorlieben, Kompetenzen) aufrecht, die sie während der Kindheit ausgebildet haben, was ihnen ein gewisses Maß an Kontinuität in ihrer Lebensführung gewährleistet (Atchley, 1989).

Es dauert bis in die 1990er-Jahre, bis die ersten Forschungsarbeiten entstehen, die im Besonderen dem lifelong tourism (Tourismus während des gesamten Lebensverlaufs) gewidmet sind. Diese Arbeiten verfolgen zwei verschiedene Richtungen. Im Bereich der Marketingforschung betonen zunächst einmal mehrere Untersuchungen, dass frühere Erfahrungen – im Besonderen die Ferien der Kindheit und der Heranwachsenden – die spätere Auswahl von Reisezielen, aber auch von touristischen Praktiken beeinflussen (Mazursky, 1989; Bojanic, 1992; Gitelson und Kerstetter, 1992). So wurde beispielsweise in einer Untersuchung über ehemalige Studierende im Alter ab 55 Jahren, die an einer Universität im Nordosten der Vereinigten Staaten eingeschrieben waren, von R. Gittelson und D. Kerstetter (1992) festgestellt, dass 80 % der Probanden mindestens einmal während ihres Lebens an das Reiseziel zurückgekehrt sind, dass sie als Heranwachsende am Liebsten besucht haben. Um diese übereinstimmenden Ergebnisse zu interpretieren, beziehen sich die betreffenden Forscher auf die affektive Verbundenheit mit der Kindheit oder auf die Beharrlichkeit bei den Entscheidungen der Konsumenten (Gitelson und Crompton, 1984).

Der lifelong tourism wurde im Zuge einer Analyse touristischer Karrieren auch unter einem stärker soziologisch ausgerichteten Blickwinkel betrachtet (Oppermann, 1995; Frändberg und Vilhelmson, 2003; Frändberg, 2008; Guibert, 2016). Das in diesem Zusammenhang verfolgte Ziel besteht darin, anhand von Längsschnittanalysen oder Lebenserzählungen die Abfolge touristischer Aufenthalte im Verlauf der gesamten Lebensbahn oder eines Abschnitts davon nachzuzeichnen. Die gewonnenen Forschungsergebnisse stimmen teilweise mit denen aus Querschnittanalysen überein, die in Bezug auf die Reiseentscheidung durchgeführt wurden. So stellt L. Frändberg heraus, dass – während die Gesamtheit der individuellen Destinationen mit zunehmenden Alter ein vielfältigeres Bild zeigt, was vor allem auf Migration zurückzuführen ist, die von den Individuen selbst oder von den ihnen Nahestehenden unternommen wurde – bestimmte Orte regelmäßig seit der Kindheit besucht werden. Für die Autorin offenbart der wiederholende Charakter des raumbezogenen Urlaubsmusters weniger eine affektive Verbundenheit mit den ersten Ferienorten als vielmehr eine Logik der Routinenausprägung bei der Entscheidungsfindung. Sie zieht die Arbeit von C. Lindh (1998) heran, um die Argumentation zu entwickeln, dass die Touristen ihre Fortbewegungen entsprechend ihrer früheren Erfahrungen organisieren und dass sie – je stärker sie die Gewohnheit haben, an ein und denselben Ort zu reisen – in höherem Maße dazu neigen, dass die Entscheidungsfindung zur Routine wird und sich schließlich von selbst aufdrängt.

Im Rahmen einer Studie, die mittels halbstrukturierter Interviews mit etwa vierzig Erwachsenen aus dem Anjou durchgeführt wurde, betont C. Guibert (2016) die vorhandene Vielfalt der individuellen touristischen Laufbahnen. Auch wenn er die zweifellos bestehende Wirkung der Erfahrungen aus der Kindheit auf diejenigen des Erwachsenenalters feststellt, so beobachtet er doch auch bei einigen Interviewpartnern, dass touristische Praktiken erst später erlernt wurden – und dies gilt hauptsächlich für Personen, die aus den durch Landwirtschaft und Arbeiterschaft geprägten beruflichen Milieus stammen. In ähnlicher Weise identifiziert er mit Verweis auf B. Lahire (2012) touristische Konstellationen „unter ehelichem Einfluss“, für die es charakteristisch ist, dass der mit den reichhaltigeren touristischen Erfahrungen ausgestattete Partner einen entscheidenden Einfluss auf die vom Paar gewählten Reiseziele und Praktiken nimmt. Unter Rückgriff auf einen Erklärungsansatz im Sinne von Bourdieu entwickelt C. Guibert (2016: 12) eine überzeugende Interpretation zur Konstruktion des touristisch Erlebten. Demzufolge wird die angehäufte touristische Erfahrung aufgebaut „entsprechend gesellschaftlichen Prozessen, die den im Bereich der kulturellen oder sportlichen Praktiken untersuchten Prozessen letztlich recht ähnlich sind. (…). Wenn das touristisch Erlernte üblicherweise während der Kindheit (im Kreis der Familie, der Schule) seinen Ursprung hat und sich mit fortschreitendem Alter der Individuen weiter entwickelt, dann tragen die angehäuften Sozialisationserfahrungen – oder umgekehrt auch die widersprüchlichen Sozialisationserfahrungen – zu einer Verstärkung der Vorstellung bei, dass letzlich nichts linear verläuft und dass die mechanische und essentialistische Reichweite des familiären kulturellen Erbes als alleiniges Erklärungsmuster begrenzt ist“ (aus dem französischen Original ins Deutsche übersetzt). Wenn man es aus diesem Blickwinkel betrachtet, offenbaren die in einem bestimmten Moment von einem Individuum ausgeübten touristischen Praktiken also manchmal die Reproduktion vergangener Erfahrungen und manchmal die Erfindung oder Entdeckung neuer Praktiken, die möglicherweise mit den aus der familiären Sozialisation ererbten Praktiken gebrochen haben können. An dieser Stelle werden mehrere Faktoren bedeutsam: die unterschiedliche Prägnanz, je nach gesellschaftlichen Milieus und Individuen, nach dem während der Kindheit Erlernten, nach der Vielfalt der individuellen Lebensverläufe (Entwicklung der persönlichen ökonomischen Möglichkeiten, Partnerwahl, familiäre Konstellationen, freundschaftliche oder berufliche Begegnungen), ohne zu vergessen, dass sich auch der touristische Kontext verändert (vorherrschende Modelle der Praxis, Angebotsmerkmale, Kosten und Komfort der Verkehrsmittel usw.).

Tourismus und Nostalgie

Die bestehenden engen Verbindungen zwischen den touristischen Erfahrungen, die während unterschiedlicher Phasen im Lebensverlauf gemacht wurden, laden dazu ein, das Zusammenspiel zwischen den angehäuften touristischen Erlebnissen, der Konstruktion des individuellen Gedächtnisses und der Konstituierung des Selbst noch etwas eingehender zu untersuchen.

Nach Erkenntnissen der zeitgenössischen Kognitionspsychologie ist das Gedächtnis alles andere als eine homogene mentale Funktion, denn es wird durch mehrere unabhängige Systeme organisiert, die jedoch interaktiv wirken (Van der Linden, 2003). Zu diesen Systemen zählt das episodische Gedächtnis, das den persönlich erlebten Tatbeständen und deren raum-zeitlichem Kontext gewidmet ist. Nach M. Conway (2005) werden die hervorspringendsten oder für das Individuum bedeutendsten episodischen Ereignisse langfristig bewahrt durch deren Eingliederung in ein anderes Gedächtnissystem – das autobiographische Gedächtnis. Letzteres besteht nicht nur aus episodischen Elementen, denn es umfasst auch allgemeine Kenntnisse des Individuums (z. B. Namen von Personen aus dem eigenen Umfeld), die aus dem semantischen Gedächtnis gezogen werden, und es enthält angehäuftes Wissen, einschließlich Bilder, Gefühle, Gerüche usw., die während der Codierung gegenwärtig sind. So erlaubt es das autobiographische Gedächtnis, eine Reise durch die Zeit zu unternehmen und zurückliegende Erfahrungen nachzuleben wie auch sich in die Zukunft zu versetzen. Zudem vermag es, Informationen für sämtliche vom Individuum auszuführende Handlungen bereitzustellen.

Die Codierung und Bewahrung bestimmter Ereignisse im autobiographischen Gedächtnis und ebenso deren spätere Rekonstruktion in den Erinnerungen hängt nicht nur unmittelbar von dem ab, was M. Conway als konzeptionelles self bezeichnet (d.h. die Gesamtheit der Ziele, Überzeugungen, Sehnsüchte und Gefühlsregungen eines Individuums), sondern auch von den Erfahrungen, die es in der Gegenwart erlebt. Wenn das autobiographische Gedächtnis in diesem Sinne zur Konstituierung des Selbst beiträgt (siehe z. B. Duval et al., 2009), dann hängt es auch unmittelbar von dem ab, was das Individuum ist und was es in einem bestimmten Moment erfährt: die drei Elemente stehen im Verhältnis einer wechselseitigen Interaktion. Es gibt also eine andauernde Überlagerung zwischen Gedächtnis, Existenz und Erfahrung. Für das Themenfeld, mit dem wir uns hier befassen, bedeutet dies gleichermaßen, dass die gegenwärtigen touristischen Erfahrungen durch die Erinnerung an frühere Erfahrungen beeinflusst werden und dass die durch das Gedächtnis vorgenommene Auswahl oder das Umgraben erlebter touristischer Ereignisse wie auch die spätere Rekonstruktion von Erinnerungen nicht nur vom konzeptionellen self abhängt, sondern auch von den gegenwärtigen Erfahrungen. Dies erklärt auch, weshalb das autobiographische touristische Gedächtnis kein Behälter ist, der stabile und zuverlässige Erinnerungen an gelebte Erfahrungen enthält, sondern aus einer beweglichen Gesamtheit von Erinnerungen besteht, die mehr oder weniger gut codiert sind und im Nachhinein regelmäßig wieder rekonstruiert werden. Wie häufig sind wir davon überrascht, wie das Gedächtnis verformt wird, wenn wir unsere Erinnerung an etwas mit der Erinnerung der uns Nahestehenden vergleichen. An die Orte der Erinnerung zurückzukehren, um eine Bestätigung zu suchen, vermittelt uns also ein Gefühl der Zufriedenheit (mit der Gegenüberstellung von Erinnerung und Wirklichkeit) ebenso wie ein Gefühl der Enttäuschung (weil sich die Orte verändert haben und mehr noch deren Bewohner). Die Rückerinnerung, die im Gedächtnis befindlichen Orte, die Objektivierung, die man dadurch zu erzielen glaubt – all dies erweist sich als eine Quelle der Verwirrung, wenn sich die Erinnerungen an eine Rückkehr in die Vergangenheit wiederholen.

Die Kindheitserinnerungen – oder zumindest die Erinnerungen daran – werden häufig als Grundlagen für das Sein und das Handeln, für die Persönlichkeit und das Selbstgefühl erachtet (Turmel, 1997; Conway und Pleydell-Pearce, 2000). Auch ohne den Versuch einer Psychoanalyse zu unternehmen, wissen wir, welch einen großen Anteil daran die Kindheitserinnerungen haben. Zahlreiche Artikel, die sich mit dem autobiographischen Gedächtnis befassen, beginnen übrigens damit, dass derartige Erinnerungen erwähnt werden. Aufgrund des einzigartigen Charakters der touristischen Erfahrung sind die ersten außerhalb des vertrauten Lebensortes verbrachten Ferien, an die sich die Kinder erinnern, in starkem Maße prägend für deren autobiographisches Gedächtnis. Abgesehen davon, dass sie eine erste Erweiterung der Erfahrungen markieren, bieten die ersten Ferien der Kindheit eine Gelegenheit, all dem einen unmittelbaren Sinn zu geben, was bis dahin nur aus den Erzählungen der Nahestehenden, aus Büchern, Filmen oder den Medien bekannt war. Die ursprüngliche touristische Erfahrung des Auslands, der Bergwelt, des Kriegs (Besuch eines Schlachtfelds), der Deportation (Besuch von Lagern) usw. – wovon das Kind bestenfalls nur eine vage Vorstellung hatte – verleiht diesen Räumen oder den Ereignissen, denen diese als Bühne dienten, eine neuartige Bedeutung. Aus einer Markierung wird die touristische Erfahrung auf diese Weise zu einem bedeutenden Tatbestand.

Wenn Kindheitserinnerungen idealisiert werden, können sie eine persönliche Nostalgie hervorrufen. Während sie über lange Zeit als eine Krankheit gefasst wurde, die durch eine Verbannung oder sonstige Form der Entfernung vom Wohnort verursacht wird (Staszak, 2016), lässt sich die an das individuell Erlebte gebundene persönliche Nostalgie heute als ein Gefühl oder eine Gefühlsregung definieren, die sehr unterschiedliche Konturen haben kann: manchmal als ein verschwommener rückwärts gewandter Dämmerzustand (Bartholeyns, 2015), manchmal als eine melancholische Freude (Bishop, 1995) oder aber als ein Streben danach, eine als angenehm empfundene frühere Zeit wiederzufinden oder wieder zu erleben (Boym, 2001). Egal, welche Definition verwendet wird, kann man davon ausgehen, dass eine aus den Kindheitserinnerungen genährte Nostalgie im Gegenzug als Leitlinie für das Verhalten in der Gegenwart wirkt, wie z. B. beim Erwerb von Gegenständen, die als Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit dienen (Havlena und Holak, 1991), oder bei der Teilnahme an Aktivitäten, die während der Kindheit erlebt wurden (Fairley, 2003).

Bei der historischen Nostalgie, die sich auf eine kollektive Vergangenheit bezieht, handelt es sich um ein gut abgestecktes Forschungsfeld auf dem Gebiet der tourism studies, das besondere Bedeutung im Rahmen der Arbeiten erlangt hat, die sich mit den an den Besuch von Gedenkstätten geknüpften Bedeutungen (Caton und Santos, 2007; Dann, 1994 und 1998; Frow, 1991; Goulding, 2001; Graburn, 1995; Hyoungong, 2005) oder mit Orten, die sich mit der Familiengeschichte oder der ethnischen Geschichte verbinden lassen, beschäftigen (McCain und Ray, 2003). Jedoch wissen wir erst wenig darüber, wie sich Individuen an ihre eigene touristische Vergangenheit erinnern, wie sie diese vergessen, neu interpretieren und aktuell halten (Timothy, 1997). Mehrere betriebswirtschaftliche Studien weisen darauf hin, dass die Nostalgie eine wichtige Rolle spielt bei der Entscheidung für Reiseziele und/oder Praktiken – und dies auch im Fall von jungen Erwachsenen (siehe z. B. Robinson, 2015). Andere Forschungsarbeiten legen den Schwerpunkt auf die rückgewandten Möglichkeiten, die touristische Erfahrungen bieten: So stellt Ryan (2010) etwa fest, dass Strände zu den wenigen Räumen zählen, an denen Erwachsene in aller Ruhe das Kind, das in ihnen schlummert, wieder entdecken und auf diese Weise eine Verbindung zu ihren Kindheitserinnerungen herstellen können. In noch ausführlicherer Form – anhand von etwa zehn Tiefeninterviews mit älteren Touristen während ihres Aufenthalts im Seebadeort Morecambe im Nordwesten von England – unterstreichen D. Jarrat und S. Gammon (2016) die Bedeutung, die das Gefühl von Nostalgie nicht nur für die Wahl des Reiseziels, sondern vor allem auch für die vor Ort erlebte Erfahrung besitzt. Denn für die Interviewpartner bietet der Aufenthalt an der Küste eine Gelegenheit, an verstorbene Menschen zu denken, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, und sich an die eigene Kindheit zu erinnern, aber auch sich vollständig ins Bewusstsein zu rufen, wie die Zeit vergeht. Auch wenn das Gefühl des Verlusts vorherrschend ist, so wird dieses doch durch den Eindruck der Interviewpartner abgemildert, dass sie mit ihrem Aufenthalt eine Kontinuität fortschreiben: Denn sie sind Eltern und/oder Großeltern geworden und setzen eine Tradition fort, indem sie ihre Kinder und/oder Enkelkinder ans Meer mitnehmen. Durch den Besucher eines timeless environment, das durch Meer und Strand verkörpert wird, haben die interviewten Personen letztlich das Gefühl, der Routine ihres alltäglichen Lebens zu entfliehen. Unter diesen unterschiedlichen Aspekten offenbaren die Aufenthalte an früheren Urlaubsorten eine Geo-Frömmigkeit. Geprägt durch den humanistischen Geographen Yi-Fu Tuan (2006) bezeichnet die Vorstellung einer ortsbezogenen Frömmigkeit eine starke, persönliche und selbstbeobachtende Beziehung, die das Individuum mit bestimmten geographischen Raumausschnitten zu unterhalten vermag – besonders mit den Orten der eigenen Ursprünge, dort, wo das Individuum genährt wurde und aufgewachsen ist. Aus dieser affektiven Beziehung entstehen sehr starke Gefühle, die vor allem auch zur Konstruktuion der persönlichen Identität beitragen.

Die Aktualisierung der Erinnerung durch die Rückkehr zu den Spuren der vergangenen Ferien ist also mit mehreren Bedeutungen aufgeladen. Für die Individuen geht es darum, dass diese Spuren – und alle Erinnerungen, die von diesen getragen werden – im Rahmen von ein und derselben Bewegung nicht vollkommen verwischt werden, dass diese Spuren mit Orten in Kontakt stehen, die mit Bedeutungen für die Individuen versehen sind, und dass die Beschränkungen und Qualen des Alltänglichen in den Blick genommen und somit auch relativiert werden. In Bezug auf diese drei Punkte setzt die Einführung einer touristischen Nostalgie einen Kontrapunkt gegenüber der raumzeitlichen Kompression, die für die Postmoderne charakteristisch ist (Harvey, 2000). Diese Feststellung greift den von C. Routledge (2016) verteidigten Gedanken auf, demzufolge die individuelle Nostalgie – weit davon entfernt, eine psychische Krankheit zu sein – eine psychologische Ressource darstellt, die es im Fall ihrer Mobilisierung erlaubt, dem Leben ungeachtet des mühsamen und bedrückenden Charakters des alltäglichen Daseins einen Sinn zu geben. Denn dies hat er vor allem in den Gemeinschaften von Migranten beobachtet: nostalgische Episoden erlauben es, den Stress abzubauen, der durch die Akkulturation hervorgerufen wird, und können dazu beitragen, das Exil erträglich zu machen.

In metaphorischer Form bildet das Bild vom Paradies zumindest einen der wichtigsten Bestandteile dieser Vorstellung, sofern es sich dabei nicht um den zentralen Kern der touristischen Vorstellung handelt (Amirou, 2008). Seit langer Zeit schon werden touristische Destinationen beworben und auf den Märkten positioniert, indem man auf paradiesische Bezüge verweist: denn die Tourismusakteure vermitteln von diesen Destinationen das Bild einer utopischen und der Zeit enthobenen Gegenwelt, eines grundlegend besseren Raumes, der losgelöst von den Konflikten, Leiden und Ungerechtigkeiten des Alltags besteht (Bachimon, 2013). Dieses sorgfältig gepflegte Vorstellungsbild trägt dazu bei, das Verlangen der Touristen zu formen. Denn für Letztere sind Praktiken der Freizeitmobilität unter anderem der Bestandteil einer Suche nach dem Paradies. Wenn das Idealbild des Gartens Eden in starkem Maße die kollektiven touristischen Vorstellungen und Praktiken strukturiert, möchten wir hier vorschlagen, dass die Nostalgie der Kindheitsferien eine ähnliche Rolle auf individueller Ebene spielt. Denn durch ihre Idealisierung in der Erinnerung werden diese zur Metapher für ein eigentlich verlorenes Paradies – und zwar das Paradies eines aus Freude, Unbesorgtheit und einfachem Glück bestehenden Zustands, den man später einmal wiederzufinden versucht.

Der touristische Raum umfasst also zahlreiche Orte, deren Besuch zumindest teilweise auf der Suche nach dem verlorenen „Paradies“ der Kindheit beruht. Diese Orte der persönlichen Nostalgie, die als Träger eines Tourismus der Wurzeln (roots tourism) wirken, sind vielfältig: Zweitwohnungen, in denen als Kind die Ferien verbracht wurden, im Herkunftsland von Migranten gelegene Familienwohnsitze, Badeorte oder Bergorte, an denen sich die Aufenthalte der ersten Kindheitserfahrungen zugetragen haben … Manche dieser Orte vermischen sich mit den Orten einer historischen Nostalgie, wie etwa Erinnerungsorte, die Touristen empfangen, die manchmal auf den Spuren ihrer eigenen Geschichte unterwegs sind und manchmal auf den Spuren einer kollektiven Geschichte.

Die Orte der persönlichen Nostalgie liegen also dort, wohin man sich begibt, weil es sich um frühere Ferienorte handelt und man dort eine Rückkehr in die eigene Vergangenheit unternehmen kann. Eine zyklische – und deshalb fragmentierte – Rückkehr, die die Funktion eines Kontinuums einnimmt und aus unterschiedlichen Situationen besteht – je nachdem, ob man an Orte, die in ihrer Verlassenheit erstarrt sind (touristische Brachen, die vom Hinterland aufgegeben wurden), zurückkehrt oder in Räume, die durch die Moderne tiefgreifend verändert wurden. Das Bedürfnis, den Faden zur Vergangenheit nicht abreißen zu lassen – auf die Gefahr hin, dass eben diese teilweise neu erfunden wird, hat deshalb Anteil an der Patrimonialisierung. Der Besuch von Orten der persönlichen Nostalgie kann tatsächlich dazu führen, dass man das Zurückgelassene in die Materialität einfügt (Bachimon, 2013). Dies ist etwa der Fall, wenn eine Brache in einen Erinnerungsort verwandelt wird. Obwohl sie durchaus interessant erscheint, bildet diese touristische Ausprägung einer Resilienz einen recht wenig erforschten Aspekt der Tourismusentwicklung.

Der Erwerb einer Zweitwohnung als ein idealisierter Ersatz der Hauptwohnung, weil sie abseits der Beschränkungen des Alltags liegt, ist ebenfalls Bestandteil einer Aktualisierung der persönlichen Nostalgie. Wenn das Individuum die erforderlichen Schritte vollzogen hat, um die Wohnung „aus dem Nest herauszuholen“ und für den regelmäßigen Gebrauch nutzbar zu machen, wird es oft dazu gebracht, seine Erinnerungen wachzurufen. Mit Nostalgie denkt das Individuum an das Ferienhaus zurück, das Ferienhaus seiner Eltern (oder Großeltern), wo es viele Sommer verbracht hat, die sich auszudehnen schienen innnerhalb einer stillstehenden Zeit, die aus gleichförmigen Tagen bestand, während die Sonne strahlte … Erinnerungen, in denen das meteorologische Wechselspiel zurechtgestutzt und beschönigt wurde. Eine unveränderliche Größe in einer idealen Zeit, wie etwas, das „für immer“ im Gedächtnis fixiert ist. Der Bewohner einer Zweitwohnung vollzieht also mit Entschlossenheit den Schritt einer nostalgischen Wiederaneignung seiner Jugend, die zwar sicherlich vergangen ist, die er aber nicht hoffnungslos verloren glaubt. Ein Schritt, der darin besteht, Momente eines tiefen Glücksgefühls (oder im Nachhinein als solche „erlebte“ Momente) wiederherzustellen, seine ersten Ferien noch einmal an einem Ort nachzuspielen, der den ursprünglichen Ort ersetzt. Ein Schritt, an dem die Kinder des Wohnungsbewohners beteiligt worden sind. So werden sie während ihrer Kindheit dieselben Erfahrungen gemacht haben (vor allem die „tief verwurzelte“ Verbundenheit mit dem Ort) wie ihre Eltern. Sie werden eine gemeinsame Identität miteinander teilen, die durch einen Beziehungsort (einen Fixpunkt) in einem Raum konkretisiert wird, an dem man sich in schwierigen Momenten (Kündigung der Arbeitsstelle, Umzug … und alle anderen Formen der Trennung) festhalten kann. Ein Zufluchtsort, von dem man sich aufgrund der räumlichen Distanz weit entfernt fühlen kann, aber nicht in den Gedanken … denn man kehrt immer dorthin zurück. Ein etwas verstaubter geheimer Winkel wie ein Dachboden. Der Staub hat die gute Eigenschaft, dass er die Erinnerungen mit einem Schleier bedeckt, den man mit Hilfe eines Wischtuchs lüften kann, um die Erinnerungen wieder so vorzufinden wie sie waren. Gewiß, man langweilt sich während der Ferien – und vor allem in Zweitwohnungen. Aber aus dieser Langeweile entsteht auch ein rückblickendes Vergnügen. Die verlorene Zeit, diese Zeit, die sich dehnt und hinzieht, erweist sich als eine Kehrseite der angeheizten (eklektischen, aufgedrehten, aussichtslosen usw.) Alltäglichkeit. Dieser Zwischenbereich hinterlässt einen Geschmack, der sich ausbreitet wie der „Geruch von Blaubeeren in den großen Körben“, den Aragon (1960) wieder entdeckt hat – eine Rückerinnerung, die man beim Geschmack einer Mahlzeit bekommt, bei einem Duft an der Biegung eines Weges. Dieser Moment der Ewigkeit löscht die Kehrseite dieser nachgemachten Erfahrung aus, denn die Gegenwart wurde dabei herausgehalten und die Vergangenheit wurde dabei verfeinert und idealisiert durch die Rekonstruktion aus der Erinnerung. Diese Momente der Erinnerung sind wichtig, denn, so sehr sie auch absichtlich herbeigeführt und ritualisiert sein mögen (man wiederholt das Grillen mit der Familie an einem festen Datum), so bilden diese Momente doch Klammern (Zeit und Umgebung, um sich selbst zu besinnen) für eine symbiotische Wiedervereinigung, die als unentbehrlich erachtet werden, um einem Alltag zu trotzen, der die Kehrseite davon darstellt.

Wenn er durch die persönliche Nostalgie motiviert ist, vermag der wiederholte Aufenthalt an Orten, die schon früher einmal besucht wurden, die Beziehung zu diesen Orten jedoch zu verzerren. Tatsächlich gerät das im Laufe der Zeit gereifte Vorstellungsbild nämlich in eine Diskrepanz gegenüber den wieder besuchten Orten – und dies liegt gleichermaßen an der Entwicklung der individuellen Ziele und Überzeugungen wie auch an der Veränderung der Orte selbst (Jankélévitch, 1983). Zwei Verzerrungen können also auftreten, sich anhäufen, in selteneren Fällen auch sich ausgleichen und manchmal zu neuen Verzweigungen führen. Zwischen egozentrischem Vergnügen und dem Gebot der Erinnerung, was uns beides zur Rückkehr an Orte drängt, die wir seit der Kindheit aus den Augen verloren haben, dort besteht zunächst einmal die Gefahr einer großen Diskrepanz, die sich zwischen einem Ort zeigen kann, der weiterhin sein Leben gelebt hat, und demselben Ort, der in der Erinnerung eingegraben geblieben ist, als ob er in einer längst vergangenen Epoche fixiert wäre. Anders gesagt, wenn das Individuum sich der Kindheit anzunähern versucht, indem es die Orte früherer Aufenthalte besucht, dann stellt es recht häufig eine radikale Veränderung der Räume fest, die es einmal gekannt und in der eigenen Erinnerung idealisiert hat. Paradoxerweise kann die dadurch hervorgerufene Enttäuschung dazu führen, dass sich das Individuum von der eigenen Kindheit entfernt, obwohl es sich ihr eigentlich annähern wollte. Jedoch führt diese erste Verzerrung nicht notwendigerweise zu einem Zwiespalt, denn die neue Erfahrung kann auch eine Selbstbesinnung auf das Vorstellungsbild und eine Reaktivierung darstellen … die ihrerseits zur Begründerin von gemischten Erinnerungen wird … die Urlaubserinnerungen bleiben.

Kumulierte touristische Erfahrung, gedankliche Repräsentationen und Lebensentscheidungen

Anlässlich der Rezension von zwei Werken über die Geschichte des Tourismus in den USA unterstreicht A. Lew (2010: 568) den grundlegenden Einfluss, den seine touristischen Erfahrungen aus der Kindheit auf seine spätere berufliche Orientierung genommen haben: „Summer family vacations were an important part of my early experiences, and may have contributed to my adult interest in tourism and travel as both a vocation and an avocation.“ Durch diese Anekdote weist er darauf hin, dass das touristisch Erlebte potentiell einen transformativen Charakter besitzt. Die aufeinander folgenden Reiseerfahrungen kennzeichnen nicht nur ein Leben, das aus einer Abfolge von Episoden besteht, die manchmal auf die Arbeit ausgerichtet sind und manchmal auf Freizeit und Tourismus. Tatsächlich tragen diese Episoden auch dazu bei, dass sich der Blick auf das Leben verändert, der Blick auf Orte, auf die Anderen und auf sich selbst – und somit können diese Episoden sogar in starkem Maße den Verlauf des individuellen Daseins beeinflussen (Brown, 2009; Hampton, 2007).

Nach J. Urry (1990) wird heutzutage oft eingeräumt, dass die Wahrnehmung der Landschaft und ihrer Bestandteile, zu denen Relief, Städtebau, Architektur und Natur zählen, in starkem Maße mit dem Reisen in Verbindung gebracht wird. Umgekehrt ist es wahrscheinlich, dass die Konfrontation exotischer Gegenden zu einer urbanistischen und repräsentationsbezogenen Abwertung der Vororte und der im Umland der Städte gelegenen Räume geführt hat, die in diesem Diptychon zu Nicht-Orten geworden sind (Augé, 1992), die man mit deren Funktionen in Verbindung bringt. Diese sequentielle Beziehung gegenüber der Umwelt bleibt nicht ohne „positive“ Rückkopplungen. Die Anhäufung von Urlaubserfahrungen der Sommerfrische hat auch die vertrauten Wohnformen beeinflusst – und an erster Stelle das Einfamilienhaus im Vorort, seitdem es dieses gibt. Beim Betrachten alter Fotos aus der Zwischenkriegszeit fällt einem auf, dass das Modell des Landhauses bereits wirksam war bei der Errichtung des Lebensrahmens (ein kleines Holzhaus oder Fachwerkhaus, ein Ziergarten, umgeben von exotischen Blumen usw.), während man wusste, dass allein schon die Entfernung vom Zentrum es erlaubte, im Sinne von Rousseau eine Nähe zur Natur einzubringen, wie es bereits das Wochenendhäuschen vorweggenommen hatte, in das man sich ein paar Jahrzehnte früher am Sonntagnachmittag begab. Schließlich, wird das Einfamilienhaus im Vorort vielleicht gewirkt haben, wie ein „Vor den Ferien“ (ein Ersatz für die Fahrt in den Urlaub, denn man musste das Darlehen zurückzahlen) und ein „Nach den Ferien“ … ein Ersatz im Anderswo zwischen zwei touristischen Aufenthalten. Die touristische Erfahrung führt also einen positivistischen Komparatismus unter Berücksichtigung des Alltäglichen herbei, auch wenn sie dabei den Preis des Paradoxes in Kauf nimmt. Denn auch wenn das bestellte Anderswo besser ist als das undifferenzierte Hier und Jetzt, trotzdem „ich könnte dort nicht leben“ oder „ich werde mein Leben erst dorthin verlagern, wenn ich in Rente gehe“. Die Orte des Tourismus sind allenfalls Landschaften, vorübergehende oder zeitlich versetzte Kontextualisierungen.

Es kommt aber auch vor, dass durch touristische Erfahrungen regelrechte Lebensveränderungen ausgelöst werden, insbesondere im Hinblick auf den Hauptwohnsitz, wenn dieser etwa infolge von Migration zu Gunsten eines touristischen Ortes dauerhaft verlassen oder während mehrerer Monate im Jahr dorthin verlagert wird (siehe z. B. Frändberg, 2008). Derartige Veränderungen können begünstigt durch eine plötzliche Abzweigung auftreten, die aus einem unerwartenden oder bedeutenden Ereignis hervorgeht. So hat Ph. Duhamel (1997) gezeigt, dass Frauen innerhalb der auf den Balearen angesiedelten ausländischen Bevölkerung überrepräsentiert sind, da es unter anderem zu einer großen Anzahl gemischter Eheschließungen zwischen Frauen aus Nordeuropa und spanischen Männern gekommen ist, nachdem Erstere dort einen touristischen Aufenthalt verbracht haben.

Andernfalls handelt es sich bei der Migration an einen touristischen Aufenthaltsort um ein Projekt, das schon seit langem vorbereitet wurde, denn es gibt – definitionsgemäß – eine Anziehungskraft von touristischen Orten, eine Anziehungskraft, die am Urspung des Wunsches stehen kann, dort dauerhaft zu wohnen. Die durch den Tourismus herbeigeführte dauerhafte Verlagerung des Wohnorts, die manchmal in die Kategorie der lifestyle migrations (Benson, 2016) eingeordnet wird, drängt sich als ein Massenphänomen auf, besonders in Form der Rentenwanderung (King et al., 1998). Die zahlreichen Arbeiten, die sich mit Letzterer befassen, zeigen auf, dass deren ausgewählte Zielgebiete in nationalen oder internationalen Tourismusdestinationen liegen, sei es in Europa oder in Nordamerika (Decroly, 2003). Die vorliegenden Untersuchungen über Rentner, die sich in diesen Destinationen niedergelassen haben, zeigen, dass die Wahl des neuen Wohnorts in sehr großem Maße durch eine vorausgegangene touristische Erfahrung und besonders durch wiederholte Aufenthalte in Zweitwohnungen.

Die Verschränkung von touristischen Erfahrungen und Lebensbahnen

Am Ende des vorausgegangenen Teilabschnitts ist deutlich geworden, dass touristische Erfahrungen in die Lebensbahnen eingefasst sind. Um Erstere zu verstehen, ist es also angebracht, Letztere zu untersuchen und umgekehrt.

Jenseits ihres Erscheinungsbilds vermag sich nicht jede augenblickliche touristische Zäsur auf eine vorübergehende Zeitspanne reduzieren lassen, selbst wenn die Erfahrung weitestgehend in der raum-zeitlichen Diskontinuität entsteht, die sie wie einen zyklischen Zwischenraum herbeiführt, der durch eine rückwirkende Dimension erweitert wird, wenn er nach Nostalgie strebt. Die Repräsentationen unserer Lebensbahnen gehen aus dieser Komplementarität des Alltäglichen und seines touristischen Bruchs hervor. Die Ferien stellen einen Rückzug dar, um – wie man es metaphorisch ausdrückt – etwas „Abstand zu gewinnen“ von dem, was Tag für Tag recht wiederholend zu erscheinen neigt, ohne Unebenheit, quälend. Der Tourismus als Quelle von Erfahrungen könnte sehr wohl eine der wichtigsten Zeitspannen für die Konstruktion von erträumten Identitäten sein, wie sie in bestimmten Erzählungen aus dem Gedächtnis von denen geäußert werden, die niemals in den Urlaub fahren. Zunächst einmal wie eine privilegierte Zeit der Aufnahmebereitschaft, wirkt der Tourismus wie eine Alternative zur ertragenen Routine, von der man sagt, dass sie eine Abschwächung des normalen Maßes begünstigt und es erlaubt, aus dem Automatismus der wiederkehrenden Aufgaben auszubrechen. Den der Tourismus ist eines der vorhandenen Mittel, um die verstreichende Zeit zu vergessen, um diese besser ertragen zu können.

So gelangen wir zu einer paradoxen Konzeption der touristischen Erfahrung. Demnach ist die touristische Erfahrung die „weiche“ Variante der Lebenserfahrung, denn sie wird in einem eingeklammerten Zwischenraum und während einer kurzen und intensiven Zeit erworben, die erst bei Eintritt in die Rente zu etwas Dauerhaftem wird. Paradox ist diese prägende Erfahrung deshalb, weil sie zwangsläufig im Zwiespalt zur Alltagswirklichkeit – gewissermaßen zur „harten“ Variante der Lebenserfahrung – steht. Führt sie also zu einer Bipolarität? Denn wir haben demnach Erinnerungen an ausgewählte Momente, ein Gedächtnis eines idealen Universums, das aus dem sommerlichen Strand besteht, aus dem Freizeitpark, aus der paradieshaften Insel usw. – ein Vorrat von Erinnerungen, die mit unserem gewohnten Erfahrungshorizont nur schwach verbunden sind. Dieser Ausnahmecharakter ist konstitutiv für eine Vorstellungswelt, die offensichtlich mit Absicht in einem Zwiespalt steht, während die andere Vorstellungswelt ertragen werden muss. Die für unsere Gesellschaften bezeichnende allgemeine Touristifizierung könnte man also als einen Versuch verstehen, den Zauber des Touristischen auf den Bereich des Alltäglichen auszuweiten (Picard, 2011). Ebenso handelt es sich dabei um ein Prinzip der Unterwerfung, um einen ideologischen Preis, der zu zahlen ist, gleichermaßen um eine religiöse Überzeugung, um das Betäubungsmittel, das den Alltag erträglich machen kann.

Der Tourismus der persönlichen Nostalgie erweitert lediglich dieses Phänomen, da die unmögliche Rückkehr in die Vergangenheit nicht vollendet werden kann. Um die Wendung von Jankélévitch (1983) wieder aufzugreifen: „Der Reisende (der) an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, ist zwischenzeitlich gealtert!“ (Zitat aus dem Französischen übersetzt ins Deutsche), und er kehrt an einen Ort zurück, der nicht mehr so ist wie er war. Dieser doppelte Zwiespalt in Raum und Zeit stellt aus der Sicht des Autors eine „vorübergehende Öffnung innerhalb der räumlichen Geschlossenheit, die sich für die nostalgische Unruhe begeistert und diese pathetisch ausmalt“ (Zitat aus dem Französischen übersetzt ins Deutsche) dar. Es ist gewissermaßen ein Teufelskreis – der darin besteht, dass die touristische Routine eine Kehrseite darstellt – aus dem es sich als schwierig erweist auszubrechen, denn man riskiert dabei unter Umständen einen Bruch mit der Vergangenheit und ganz sicher ein Umwälzen der Erinnerungen.

Variations expérientielles

Die in dieser Ausgabe von Via@ enthaltenen Texte deklinieren einen recht großen Teil der Ansätze einer erfahrungsbezogenen Dimension im Tourismus aus dem Blickwinkel der Lebensbahnen – und genau dies war das ursprüngliche Ziel des Aufrufs zu Textbeiträgen. Um den Inhalt der Texte zu skizzieren und die Beziehungen hervorzuheben, die sie mit dem roten Faden dieses Themenhefts verbinden, nehmen wir die weiter oben gewählte Struktur wieder auf.

Die ersten vier Texte richten sich – entweder aus der Nähe oder aus der Entfernung – auf die Frage nach der Einzigartigkeit der touristischen Erfahrung. Zunächst bietet uns Hécate Vergoupolos eine anregende kritische Analyse darüber, wie der Begriff der Erfahrung im Bereich der tourism studies mobilisiert wird. Nachdem sie feststellt, dass sich zahlreiche Untersuchungen aus einer „Art von Furcht vor allem, was im Moment des Tourismus geschieht“ auf eine breite und undifferenzierte Konzeption der touristischen Erfahrung stützen, hebt die Autorin zwei grundlegende Tendenzen bei der Definition dieser Erfahrung hervor. Die erste Tendenz versteht die Erfahrung als einen kumulativen Prozess: Dies ist gleichermaßen, was man während eines Aufenthalts erlebt und was das Individuum daraus als Lehre zieht. Ein derartiger Ansatz führt also dazu, dass man die touristische Erfahrung in eine enge Verbindung mit der Lebensbahn bringt: Als ein „Kapital des Wissens oder der Gewohnheiten“ wird Ersteres im Laufe des Lebens konstruiert und fortwährend rekonstruiert. Im Gegensatz dazu wird die touristische Erfahrung in einer zweiten Tendenz konzeptualisiert wie ein unmittelbares Phänomen, ein zu erlebender Moment, der seinen Versprechen gerecht werden muss, indem er dem Individuum Vergnügen und Befriedigung gibt. Hécate Vergopoulos untersucht daraufhin die Verbindung zwischen touristischer Erfahrung und Authentizität. Dabei zeigt sie, dass eine touristische Erfahrung als eine Art der Verbindung zur touristifizierten Welt stets einen authentischen Charakter besitzt – egal, aus welchen Merkmalen das Angebot besteht: „so kann man wahrhaft enttäuscht sein angesichts von etwas Scheinbarem, das man als solches erkennt.“

Der Beitrag von Laurent Gagnol und Pierre-Antoine Landel über die touristische Aufwertung des Dünensands in der marokkanischen Wüste befasst sich ebenfalls mit dem einzigartigen Charakter der touristischen Erfahrung. In diesem Beitrag wird gezeigt, dass das in der Nähe von Merzouga gelegene Erg Chebbi nicht mehr nur den Rahmen für geführte Touren bietet, sondern auch die Basis für Sandbäder mit therapeutischen Zielen. Weit davon entfernt, eine marokkanische Besonderheit zu sein, werden diese Bäder, die einem trockenen „Bäderwesen“ ähneln, von marokkanischen und internationalen Kurgästen wahrgenommen, die in den Genuss der therapeutischen Tugenden kommen möchten, die man dem Sand von Merzouga zuschreibt. In zweifacher Hinsicht zumindest stellt das Eintauchen des Körpers in die Dünen des Erg Chebbi ein einzigartiges Erlebnis dar, das mit den Routinen des Alltags bricht. Zunächst einmal vermittelt die Handlung selbst ein vollkommen neues Gefühl, das sich von dem unterscheidet, was einem andere Praktiken zu therapeutischen Zwecken oder für das Wohlbefinden geben können – und dies gilt vor allem für jene Praktiken, die in Räumen und Zeiten des Alltags ausgeführt werden, wie etwa in der Sauna oder im Hammam. Weiterhin werden diese Gefühle gewissermaßen angereichert durch die Bedeutungen, welche die Touristen dem physischen und sozialen Rahmen zuschreiben, innerhalb dessen sich deren Gefühle äußern, und ebenso durch die von der lokalen Bevölkerung angebotenen Dienstleistungen (vom Verkauf der Milch von Kamelstuten bis hin zum Besuch der Mausoleen der Heiligen von Tafilalt) mit dem Ziel, „eine einwandfreie und authentische Umgebung, die als diejenige der beduinischen Wurzeln betrachtet wird“ vorzutäuschen.

Der Beitrag von Juliette Augerot über die gedanklichen Vorstellungen zur Stätte von Angkor macht es sich zur Aufgabe, den einzigartigen Charakter der touristischen Erfahrung differenziert zu betrachten. Die Autorin unterstreicht in ihrem Beitrag nämlich, dass junge Touristen, die dorthin reisen, bereits sehr früh etwas über diesen Ort wussten, sei es aus dem Unterricht, sei es aus Schulbüchern oder Büchern aus der Bibliothek oder ferner aus Reportagen. Die Stätte selbst ist also zunächst einmal eine literarische, cinematographische Abstraktion … und letztlich ein gedankliches Bild. Und die Autorin weist uns darauf hin, dass dieser Ort, wenn er touristisch erfahren wird, konfrontiert ist mit seiner Übereinstimmung mit den Vorstellungen, die die Besucher schon vorher von diesem Ort hatten. Die Zufriedenheit oder die Enttäuschung mit der Erfahrung hängt unmittelbar davon ab. Aus diesem Grund haben die Betreiber der Stätte all das von der Stätte entfernt, was einen unerwünschten Gegenwartsbezug haben könnte, wie in diesem Fall die in den Ruinen und in deren Umgebung lebende Bevölkerung, um ihr die Feierlichkeit eines Objekts zu verleihen, das jenseits der verstreichenden Zeit erstarrt ist und einer tatsächlich nachgefragten Erinnerung entspricht. Demnach handelt es sich bei den Ruinen um eine tote Erinnerung an eine frühere Gesellschaft, die verschwunden und von der Gegenwart abgeschnitten ist. Dieser Bruch ist wichtig, um Orte zu erhalten, die nur anlässlich von Führungen wieder zum Leben erweckt werden sollen – also im Rahmen eines touristischen Besuchs zur Interpretation der Stätte. Es herrscht also eine aufmerksame Stille seitens der Gruppe. Eine Ruine als solche ist ein heiliger Ort, der nur sehr wenige Verbindungen zur Außenwelt besitzt … auf die Gefahr hin, dass die Bewohner, die das lebendige Innerste des Ortes ausmachten und sogar mittels der Tradition den Fortbestand der alten Zeit herstellten, nunmehr an einen anderen Ort umziehen. Die Stilllegung der Stätte resultiert also aus einem Konformismus.

Der Beitrag von Rémy Tremblay über „Floribec“, den durch Migranten und Touristen aus Quebec erschaffenen Raum in Florida, führt ebenfalls dazu, die Einzigartigkeit der touristischen Erfahrung zu differenzieren. Auf doppelte Weise – einerseits durch eine alte Arbeitsmigration, die auf die 1930-er Jahre zurückgeht und sich im Rahmen der großen Arbeiten für eine Trockenlegung der Sümpfe von Florida vollzog, und andererseits durch den regelmäßigen Besuch von Touristen aus Quebec – hat sich in den Städten von Hollywood, in Dania und Hallandale, die in den östlichen Vororten der Metropolregion von Miami gelegen sind, eine Konzentration des Einzelhandels herausgebildet, der Produkte und Dienstleistungen für eine Kundschaft aus Quebec anbietet. Diese Konzentration zeigt die Form einer „ethnischen Insel“. Durch die verwendete Sprache, die verkauften Produkte und den vorherrschenden Architekturstil trägt diese Insel dazu bei, das erlebte Anderssein von Touristen aus Quebec zu verringern, wenn sich diese nach Florida begeben. In diesem Sinne nähert die Insel das von den Touristen vor Ort Erlebte dem an, was sie im Alltag an ihrem Herkunftsort erleben.

Mit ihrer historischen Untersuchung zu den Ferienlagern, die in Rimini in Italien errichtet wurden, leistet Fiorella Dallari einen Beitrag zum nur wenig bearbeiteten Feld des Tourismus der Kindheit und damit auch zum Tourismus der kumulativen Konstruktion der touristischen Erfahrung. Für die Generationen, die noch keinen bezahlten Urlaub hatten, boten die Ferienlager den Kindern die erste Erfahrung von Freizeit – und zwar außerhalb des Kreises der Familie am Wohn- oder Urlaubsort. Und es ist bekannt, dass Faschismus und Diktatur aus dem Aufenthalt im Ferienlager eine für die Indoktrinierung verwendete Zeit gemacht haben, indem sie auf die Wirkungen der Entfernung der jungen Heranwachsenden aus dem Schoß der Familie gesetzt haben. Aber die Ferienlager waren auch diejenigen der Städte des Volkes. Die „Partei“ (selbstverständlich die kommunistische) stand an der Spitze der Arbeitergemeinden und hatte ihre kommunalen Ferienlager (mit ihren „Aufklärern“) unterstützt, um unter anderem auch ein Gegengewicht gegen die Ferienlager der „Pfadfinder“ der Kirchengemeinde zu bilden. Politische und auf Indoktrinierung ausgerichtete Hintergedanken haben also das Ferienlager und insofern auch die kollektive Erfahrung geprägt, im Bruch mit der mütterlichen Fürsorge der Kindheit, ein Übergangsritus. Das Baden im Fluss oder im Meer, mit dem Übergangsritus, beinahe nackt zu sein und schwimmen zu lernen, und nunmehr nach Geschlechtern getrennt zu sein – all dies ist der Höhepunkt einer kollektiven Erfahrung geblieben (derjenigen einer Gruppe, die einem Lehrer anvertraut ist, in Schlafsälen schläft und in der Kantine isst). Die Erfahrung der Gemeinschaft sollte fortgesetzt werden in den Jugendherbergen und in den Ferienclubs (der aus GM (Gentils Membres; dt. freundliche Mitglieder) bestehende Club Med war lange Zeit gemeinschaftlich) und musste den Initiatoren zufolge eine grundlegende Jugenderinnerung für ein uneigennütziges Erwachsenenleben im Dienste des eigenen Landes bleiben.

Der Bericht von Aimé Vincent, einem Textilindustriellen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, der von Franck Petit aufgezeichnet wurde, trägt seinerseits dazu bei, über das Verhältnis zwischen Tourismus und Nostalgie nachzudenken. Er ruft nämlich die Erinnerung an eine Familienreise wach, die in Ermangelung eines kolonialen Schicksals das familiäre Gedächtnis mitbegründet hat. Der besagte Aimé bricht mit seiner Familie ganz zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf, um die nordafrikanischen Kolonien zu entdecken. Diese Reise wird nicht ohne den Hintergedanken sich dort niederzulassen unternommen, denn während eines Reiseabschnitts setzt er sich mit den Möglichkeiten, in Constantine sesshaft zu werden, auseinander und befragt vor Ort einige Standespersonen. Letztlich lässt er sich dort nicht nieder, aber die Erinnerung an diese Reise hat für die Kinder einen Initiationscharakter. Denn es ist ein traumhaftes Land, von dem man gemeinsam eine familiäre Erinnerung erworben hat. Sie besteht aus „Kuriositäten“, den oberflächlichsten bildhaften Eindrücken, zu denen die Landschaft, die Folklore, die „Eingeborenen“ zählen … und die Bestandteile der kolonialen Moderne, wie etwa die Eisenbahn, die Straßen, die kolonialen Siedler. Das Vorhaben von Franck Petit, einem Nachfahren von Aimé Vincent, diesen familiären Text (teilweise und mit einem Kommentar) zu veröffentlichen, hängt mit dem Wunch zusammen, einen Text öffentlich zu machen, der im privaten Bereich der familiären Erinnerung geblieben war. Das Tagebuch von Aimé Vincent bleibt eine glückliche Episode im beginnenden 20. Jahrhundert, noch vor den beiden Weltkriegen, die diese Familie aus dem Osten von Frankreich tief erschüttern werden. Eine Episode, die man auf keinen Fall verbergen möchte unter der Vergessenheit der Routine des Alltags und der zutiefst traurigen Episoden, die darauf folgen sollten. Es wird daher in den Unterhaltungen darauf Bezug genommen: „Sie wissen, dass wir uns beinahe in Algerien niedergelassen hätten!“ … und dieses passé antérieur, diese nicht verwirklichte rückblickende Prophezeihung, wird seine vollständige Bedeutung erhalten, wenn es 50 Jahre nach dieser Reise zur Dekolonialisierung kommt: „Aimé hatte schließlich die richtige Entscheidung getroffen, denn sonst wären wir heute in der Flut von Heimkehrern aus den früheren Kolonien“. Der nicht vollzogenen Handlung, der touristischen Reise, die sich als eine Auswanderung hätte fortsetzen können, wird ein interpretativer und identitätsstiftender Wert zugeschrieben. Offensichtlich hat die Reise den sehr positiven Wert einer untrennbaren Verbindung mit Nordafrika, das die Nachfahren von auf den Spuren ihrer Vergangenheit bereisen werden. Denn dort ist man in einem vertrauten Land: das Tagebuch (ebenso wie die Fotos, die es begleiten und die in einer Schachtel aufbewahrt werden) bildet eine Reihe von festen Bezugspunkten. Es handelt sich jedoch um nur äußerst bedingte Bezugspunkte, denn die Texte altern, die Fotos vergilben, während auch die Posen, die die Personen gegenüber dem Fotografen einnehmen, veraltet erscheinen. Aber Franck Petit sagt uns, dass er während einer Reise nach Tunesien dieselbe Zitadelle wieder aus demselben Blickwinkel fotografiert hat oder dass er versucht hat, Nachkommen der fotografierten „Einheimischen“ wieder zu finden. So wird der Verlauf der touristischen Wege von den Nachfahren manchmal an denen ihrer Vorfahren ausgerichtet – und dies umso mehr, weil diese zu ihren gemeinsamen Lebensbahnen hätten werden können. Dieser Nostalgietourismus hat inzwischen eine große Bedeutung erlangt als eine kulturelle Erweiterung des Tourismus zum Besuch von Freunden und Verwandten.

Der Text von Joan Carles Membrado, Raquel Huete und Alejandro Mantecón über den Wohntourismus in Spanien kann die Beziehungen zwischen kumulativer touristischer Erfahrung und Lebensentscheidungen zu veranschaulichen. Nachdem sie das Ausmaß des Phänomens unterstrichen haben, dass sich ältere Menschen aus Nordeuropa entlang der spanischen Mittelmeerküste niederlassen (die Anzahl der in Spanien ansässigen europäischen Rentner hat sich zwischen 1991 und 2002 um den Faktor 7,5 vervielfacht), beleuchten die Autoren die damit verbundenen Auswirkungen auf die räumliche Planung, das Immobilienwesen, die Umwelt und die Beschäftigungsstrukturen an der Costa Brava. Der Wohntourismus hat dort nicht nur zur Betonierung der Küste beigetragen, sondern auch die spanische Immobilienblase genährt, die 2008 platzen sollte, was dazu geführt hat, dass die nationale Wirtschaft blutleer, die Regierung destabilisiert und die Lebensweisen der Spanier verändert wurden. Die fehlende Kontrolle während der 20 Jahre, in denen sich Rentner dort niedergelassen haben, sollte auch Auswirkungen auf die Umwelt in den Küstenbereichen haben und den lokalen Arbeitsmarkt verändern, der heute von personenbezogenen Dienstleistungen beherrscht wird. Zudem wird dieses suburbane Wachstum auch dazu führen, dass die touristische Erfahrung von Rentnern abgewertet wird, die mit endlosen Baustellen in ihrer Nachbarschaft konfrontiert sind und daher mit einer Verschlechterung ihrer Lebensqualität, die ein Ergebnis der baulichen Verdichtung ist. Weiterhin hat diese städtebauliche Entwicklung, die direkt und indirekt mit dem Tourismus verbunden ist, letztlich die der Sonne zugewandte Destination entwertet. Der beachtliche Verbrauch von Wasser, dort wo es selten ist, und von Energie verursachte hohe Kosten, während die städtischen Überlastungsprobleme, ohne dass man diesen mit geeigneten politischen Maßnahmen begegnet wäre, den Aufenthalt vor Ort zusehends weniger angenehm machten, da sich der Zustand der Umwelt verschlechterte. Dieser Niedergang der Destination und damit auch der touristischen Erfahrung hat ebenso zur Verschlechterung der Alltags der Spanier selbst beigetragen. Nachdem sie sich an der verrückten Immobilienspekulation im Tourismusbereich beteiligt und sich dabei tief verschuldet und schließlich ihre Investitionen verloren haben, ist es nunmehr alltäglich, dass sich ganze Familien in der beengten Familienwohnung ihrer Eltern wiederfinden – manchmal im eigenen Kinderzimmer – und dass sich die jüngsten unter den von der Arbeitslosigkeit Betroffenen dazu gezwungen sehen, dort als Neo-Junggesellen zu leben. Es ist die Kehrseite einer paradoxen immobilien-touristischen Entwicklungsbahn, die sich auf diese Weise abzeichnet.

Zum Abschluss des thematischen Teils dieser Ausgabe lädt Anna María Fernández Poncela dazu ein, sich für den Blick zu interessieren, den die in einer touristischen Destination (Huasca de Ocampo in der Provinz Hidalgo in Mexiko) lebenden Kinder und Jugendlichen auf die dort von Touristen gesammelte Erfahrung richten. Daraus geht hervor, dass die befragten Schüler, die eine öffentliche Schule besuchen, ihr kulturelles Erbe bewusst wahrnehmen, das als Gegenstand von touristischen Besuchen dient, die sie mit einer gewissen Gleichgültigkeit betrachten, aber denen es jedoch einen sehr hohen (wirtschaftlichen und kulturellen) Wert verleiht – umso mehr, wenn sie sich dem Erwachsenenalter nähern. Die touristische Erfahrung der Besucher, denen sie auf der Straße begegnen, wenn sie die Schule, das Kolleg oder das Gymnasium verlassen, zeigt den Heranwachsenden aus Huasca de Ocampo, welches Interesse ihrem Gebiet aus den Augen der restlichen Welt entgegengebracht wird. Dieser Blick von außen wird daraufhin mobilisiert, um das Bild zu erschaffen, das sich die jungen Menschen von sich selbst und von ihrer Umgebung machen. Mit der Feststellung, dass die Erfahrung eines anderen Menschen auf die Lebensbahn derer zurückwirkt, die besucht werden, beleuchtet Anna María Fernández Poncela also eine einzigartige Verschränkung von touristischen Erfahrungen und Lebensbahnen.

Insgesamt werden wir aus dieser Ausgabe festhalten können, dass die scheinbare Einfachheit des touristischen Zyklus – eine Reise hin und zurück – im Laufe eines Lebens durch seine Wiederholung und durch die Anhäufung von Erfahrungen eine spiralförmige Bewegung annehmen kann. Der Tourist kehrt zurück an seinen Ausgangspunkt mit einer neuen Erfahrung, die zu den vorausgegangenen Erfahrungen hinzukommt und den künftigen Erfahrungen als Ausgangspunkt dient. So oft wie möglich kehrt man in seine Zweitwohnung zurück, man kehrt an die Ferienorte seiner Kindheit zurück, man vermeidet die eine oder andere Erfahrung, die negativ war, usw. Selbstverständlich kann man es nicht bei dieser mechanistischen Betrachtung belassen, denn die Erinnerung – und insbesondere die Erinnerung an die Ferien – ist selektiv. Denn die Erinnerungen bilden lediglich den hervorspringenden Teil – zufällige oder hervorgerufene Rückerinnerungen, während andere Erfahrungen verborgen im Unbewussten bleiben werden. Das Gedächtnis ist in erster Linie eine Dekonstruktion/Rekonstruktion von Fakten über die Ferien, deren Status des Außerordentlichen sie zu einer Zeit werden lässt, welche die Herstellung von hervorspringenden Kennzeichen begünstigt, auf die sie sich selbst stützen kann.

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[1] Seit Mitte der 1990er-Jahre beabsichtigte einer der Autoren dieses Beitrags, der durch den Austausch mit Françoise Cribier (Forschungsdirektorin am C.N.R.S.) und ihrer Arbeitsgruppe für die Methode der erzählten Lebensgeschichten sensibilisiert war, Forschungsarbeiten in die Wege zu leiten, die sich mit der als stark vernachlässigt erachteten Frage beschäftigen sollten, welche Verbindung zwischen der Wahl touristischer Destinationen und den Urlaubserfahrungen in Kindheit und Jugend im Kreis der Familie besteht. So wurde dieses Thema für eine studentische Abschlussarbeit vergeben, die 1997 an der Universiät Paris 7 – Denis Diderot von C. Duflot (unter Betreuung von R. Knafou) verteidigt, aber leider nicht im Rahmen einer Doktorarbeit fortgesetzt wurde, da es die angehende Doktorandin vorgezogen hat, sich daraufhin anderen Studien mit weniger zufälligen beruflichen Perspektiven zuzuwenden, bevor sie den Weg einer politischen Karriere eingeschlagen hat.