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Gliederung

Verbreitung touristischer brachen
Polymorphismus des bestands
Infragestellung des gesamten tourismus
Resümee: scheinbare paradoxe der touristischen brache

Abstract

Das Landschaftsbild der touristischen Inseln von Französisch-Polynesien ist entscheidend, dauerhaft und wiederkehrend durch touristische Brachflächen gekennzeichnet. Unsere Studie bietet eine umfassende Erfassung der geschlossenen Betriebe und klassifiziert diese nach Verlassenheitsgrad und Betriebsalter. Die Größe des Unternehmensbestands, die in Abhängigkeit von konjunkturellen Schwankungen zunimmt und fortbesteht, wird dabei als systemerklärende Variable genutzt. Wir zeigen auf, dass dieses alles andere als banale System, (permanente) Identitäts-Blockaden und (zyklische) sozio-ökonomische Blockaden widerspiegelt, welche man -zwar in geringerem Ausmaß- in vielen anderen typischen touristischen Destinationen wiederfindet. Diese Blockaden kennzeichnen die auftauchenden Spannungen bei der lokalen Akzeptanz des globalen Tourismus.

Stichwörter

Tropen-Tourismus – Französisch-Polynesien – Brachflächen – Identität

Volltext

Touristische Brachflächen prägen in dauerhafter Form das Landschaftsbild der touristischen Inseln von Französisch-Polynesien. Unsere Studie beschäftigt sich mit den Zurücklassungen auf den touristischen Hauptinseln, das heißt auf Tahiti, Moorea, Bora Bora, Tahaa und Huahine, wobei das Phänomen auch auf den peripherischen Archipelen eingeschätzt wird. Im ersten Schritt führen wir eine Typologie dieser Brachen in Abhängigkeit ihres Verlassenheitsgrades und Betriebsalter durch und beschäftigen uns dann mit der systemerklärenden Variable „Bestandsgröße“, die -je nach konjunktureller Schwankung- nicht aufhört anzusteigen.
Auch wenn die Vegetation in den feuchten Tropen rasch Raum zurückgewinnt, wird die Aufmerksamkeit des achtsamen Beobachters dadurch gefesselt, dass die stillgelegten touristischen Betriebe den öffentlichen Zugang zu beachtlichen Flächen versperren und besonders den Zugang zum Meer einschränken, was soziale Reibungen mit sich bringt, die weit über die Frage nach der touristischen Tragfähigkeit hinausgehen. Und während es sowohl in der öffentlichen Meinung als auch in der wissenschaftlichen Analyse üblich ist, diese Reibungen der Landfrage zuzuschreiben, so wie es in Melanesien dem Brauchtum zugeschrieben wird, glauben wir, dass es -ohne diesen Ansatz herabsetzen zu wollen- in der Komplexitäts-Analyse notwendig ist, darüber hinauszugehen und den Einfluss der touristischen Brachen auf die betroffenen Touristen, auf die zum Teil daran interessierten Investoren und auf die unmittelbar benachbarten oder diese besetzenden Polynesier, abzuschätzen.

Verbreitung touristischer brachen

Unter einer touristischen Zurücklassung versteht man die mehr oder weniger dauerhafte, teilweise oder vollständige Zweckentfremdung eines letztendlich für den Tourismus angepassten Raums, ohne diesen abzureißen oder konkret umzustrukturieren (Soja, 1996 & Chaline, 1999). Die von uns entdeckten Formen reichen von partieller Stilllegung (Tiki Dorf (Dokument nr. 5b)) über saisonale oder mehrjährige Zurücklassungen bis zur dauerhaften Aufgabe eines Standorts. Wir nutzen die Dauer und das Ausmaß der touristischen Zurücklassung als Indikator für die schwierige konjunkturelle und strukturelle Anpassung der touristischen Raumplanung. Folglich werden die am längsten stillgelegten Betriebe einerseits als Hinweis auf eine schwache Reaktionsfähigkeit -sogar als mangelnde Anpassung- gesehen. Anderseits können diese auch umgekehrt als eine Form der lokalen Wiederaneignung gesehen werden, sowohl im eigentlichem Sinn als auch im übertragendem Sinn, eine Art « third space » (Vannier, 2003 & Clément, 2004).

Dokument nr. 1 – Aktuelle Anzahl touristischer Brachflächen in Französisch-Polynesien (unter Berücksichtigung von lediglich der Schließungen, die bis heute nicht zu Wiedereröffnungen geführt haben)

Die touristischen brachflächen von Tahiti

Auf der Insel Tahiti erschienen die touristischen Brachen als Erstes und halten sich dort in den meisten Fällen am längsten. So ist das Hotel Bel Air in Punaauia (Dokument nr.2) aktuell die älteste touristische Brache in Polynesien, gemeinsam mit dem immer noch verlassenen Standort des ehemaligen Hotels Matavai (Holiday Inn) in Tipaerui im Osten von Papeete. Dieses Hotel in Strandlage, gebaut zwischen dem Sofitel (Maeva Beach) und dem Beachcomber (zwei der drei größten Hotels der Insel) wird aufgrund der fortschreitenden Baufälligkeit als „Schandfleck“ bezeichnet. Der hoteleigene Tennisplatz ist mittlerweile zum Parkplatz der Allrad-Fahrzeuge der Ortsbewohner geworden, die sich als legitime Landbesitzer verstehen (Dokument nr.2b & 13).
In der Stadt ist das Hotel Prince Hinoi (1984-2007), welches gegenüber der Anlegestelle der Passagierschiffe liegt (Place Vaiete) und einziges Ibis-Hotel der Insel ist (Dokument nr.2b), stillgelegt, genauso wie das legendäre Hotel Royal Papeete (1930-2009), das gegenüber der Fähren-Anlegestelle liegt. Dort plant man jetzt, einen Parkplatz zu errichten. Zehn Kilometer weiter östlich liegt das Hotel Tahaara (Hyatt Regency Tahiti). Es ist ein prächtiges Gebäude auf einem Felsvorsprung über dem Meer, im Herzen eines acht Hektar großen Landschaftsparks (Dokument nr.2d). Seit dem Jahr 1998 geschlossen, ist dieses Hotel mittlerweile im Verfallsstadium (die Abdichtung ist nicht mehr gewährleistet), während der Beach Club am zugehörigen Strand ebenfalls in 20091 geschlossen wurde. Aufgrund mangelnder Instandhaltung ist letzterer von Angehörigen der Hüter besetzt, die, nach lokaler Tradition mit ihren Familien kommen, um einen Sonntag am zugehörigen Privatstrand zu verbringen. Dieser wiederum grenzt an den des später erbauten Hotel Radisson.
Schließlich gibt es noch weitere verstreute und weniger spektakuläre Beispiele. Hierbei ist das Fare Nana’o (1990-2004) zu nennen, welches aus Fundholz auf Bäumen und auf dem Meer errichtet wurde. Dieses Hotel, erbaut von Monique Michel auf der Landenge von Taravao, wurde in 2004 zurückgelassen, während des Bau des Traravao-Hafens an der Ostküste2.

Dokument nr.2 – a) Einige touristische Brachen auf der Insel Tahiti: a) Hotel Prince Hinoi, seit 2007 geschlossen. b) Hotel Bel Air, seit 1980 geschlossen. c) Karte mit der Verteilung der Zurücklassungen. – © Ph. Bachimon

Aber auch andere touristische Glanzstücke befinden sich in Wirklichkeit in einem brache-ähnlichen Zustand. Der botanische Garten und das Museum Gauguin3 in Papearii sind nur noch Schatten ihrer selbst und unbestreitbar vom Verfall gekennzeichnet. So ist der Garten komplett verlassen (die Brücke zum italienischen Kastanienwald (forêt de mape) ist von Termiten besiedelt und gefährlich, das Orchideen-Gewächshaus ist zerstört…), gepflegt werden nur noch die Rasenplätze. Der skandalträchtige Biss einer Riesenschildkröte durch streunende Hunde auf den Galapagos-Inseln in 2009 erinnert daran, dass dort selbst die Beaufsichtigung nicht mehr gewährleistet war. Während der Flossie-Ära von Flossie wurden auf dem gleichen Gebiet, eingriffsähnlich, ein nie genutzter Helikopter-Landeplatz gebaut und Marken-Gästebeherbergungen, die heute von den Würdenträgern der nachfolgenden Regierung besetzt sind.

Die touristischen brachflächen von Huahine

Huahine ist die Insel, die proportional am stärksten von touristischen Brachen betroffen ist. Von den sechs großen Hotels, die am Ende der neunziger Jahre geöffnet wurden, besteht nur noch das Te Tiare Beach Resort (1999 eröffnet und renoviert in 2003). Alle anderen sind geschlossen, obwohl sie weiterhin an Flughafen auf einer großen geschnitzten Palisanderholz Karte angezeigt werden. Zu den ältesten touristischen Zurücklassungen zählt das Hotel Bellevue (verknüpft mit der Anwesenheit des Centre d’Expérimentation du Pacifique (CEP)) und vor allem das Hotel Bali Hai im Hafen von Fare (es erholte sich nicht mehr von den Wirbelstürmen, die es 1983 zerstörten) (1973-1998/2001) (Dokument nr.3a).
Hotel Hana Iti, welches 1998 in Folge eines tropischen Tiefs schloss, reiht sich als Nächstes in die Zurücklassungen ein, genauso wie der Huahine Beach Club in Parea (er wird durch eine Siedlung ersetzt werden), während das Sofitel Heiva von Maeva in 2003/2005 geschlossen wurde. Das Hotel Hana Iti betrachten wir aufgrund seines außergewöhnlichen Falls näher. Dieses ausgefallene Luxushotel, erbaut von Paul Allen, dem Mitgründer von Microsoft, stellte ein Modell für die gelungene Integration eines Hotels in seine natürliche Umwelt dar (Dokument nr.3b). Heute ist diese touristische Brache bezeichnet für die nicht fachgerechte Benutzung. Als Erstes wurden die Anlagen geplündert (besonders im Sanitärbereich), die Entkernung der Installationen (Zimmererwerke, Einfassungen, Dächer) führten dazu, dass dort nur noch die im feuchten Gestrüpp verfaulenden Betonplatten übrig sind. Das Gelände, welches vom Territorium zurückgekauft wurde, empfing seinerseits GIPs, von denen heute keiner mehr lebt. Lediglich die Polizei (mutoi) des Geländes wird immer noch vom Territorium bezahlt, jedoch heute von einem klassischen Gaston Flosse-Gegner4. Dieser „Hüter“ gibt sich als eine Art „Robinson“ aus, um sein Einkommen zu erhöhen. Er bietet touristische Leistungen an, wie z.B. den Besuch der Ruinen des Hotels, den Verkauf von tahitischen Mahlzeiten (maa’a tahiti) aus dem tahitischen Backofen und Früchte seiner Obsternte, er vertreibt selbsthergestellte Halsketten aus Blumen und Muscheln, er hält den Strand in Ordnung und fängt Mücken und Schnaken… all das, um die Gäste aus Bora Bora zu empfangen, die mit dem Katamaran kommen, um diesen Naturparadies zu genießen. Überdies ist der Hüter der Eigentümer des angrenzenden Geländes, welches den Zugang über die Straße steuert…was ihm ermöglichte, diese für den Verkehr zu sperren. Folglich ist der Ort zu einem ziemlich gut erhaltenen Isolat geworden ist.

Dokument nr.3 – a) Hotel Te Hana iti (geschlossen 1995)
und investiert durch die GIP
Dokument nr.3 – b) Karte der Hotelbrachen auf Huahine

Die touristischen brachflächen von Moorea

Die meisten großen Hotels, die in Moorea den Tourismus auf Polynesien begründet haben, sind nicht mehr in Betrieb. Dazu gehören Club Med (1963-2005), Moorea Village (auch genannt Fare Gendron), Hotel Cook’s Bay (Dokument nr.5a),… ohne deshalb zerstört worden zu sein, obwohl die Brand-Ausschreitung oder die Zerlegung der Bungalows die Landschaft der touristischsten Insel von Französisch-Polynesien auf unauslöschliche Weise kennzeichnen (Dokument nr.4b & c).
Ihre gewaltige Infrastruktur säumt heute die “Meerseite” der Inselstraße, während ihr beachtlicher Grundeinfluss auf das touristische Gebiet zur Hauptbremse des Weiterbestehens des Tourismus geworden ist. Auch hier zeichnen sich Formen der Wiederaneignung ab. Eigentümer besetzten die auf dem Gebiet zurückgelassenen Bungalows, Kreuzfahrtgesellschaften legen an der Schiffsbrücke von Cook an, wo eine Tahiti-Show gezeigt wird und ein touristischer Markt stattfindet… Nach unserer systematischen Erfassung, die wir in 2009 und 2010 durchgeführt haben, führt die Hotelbrache zu weiteren Stilllegungen. Denn es wurden 20% der Geschäfte mit touristisch-nahen Dienstleistungen geschlossen (Restaurants, Perlenverkauf, Souvenirläden). „Quasi-Brachen“, wie beispielsweise das Tiki Village auf Haapiti (Dokument nr.5b), werden beschädigt, teilweise von ihren eigenen Dienstleistern besetzt und den Besuchern vorgeführt. Sozusagen als eine Art hyperrealistische Inszenierung, die das Gegenteil der Folklore zeigt, die Besucher normalerweise zu sehen bekommen.

Dokument nr.4 – a) Karte der Hotelbrachen auf Moorea. b) & c) Hotellobby des Club Med vor und nach der Brandkatastrophe in 2010. © Ph. Bachimon
Dokument nr.5 – a) Hotel Cook auf Moorea. b) “Rückseite” des Tiki Village © Ph. Bachimon

Die touristischen brachflächen von Bora Bora

Die Insel Bora-Bora ist nach Tahiti und Moorea die drittgrößte touristische Destination von Französisch-Polynesien. Sie ist vor allem die Destination, die „das Gros“ des internationalen Tourismus empfängt (als Honey Moon Destination) und in Luxushotels beherbergt. Das vervielfacht die Schiffsbrücken, die auf der Lagune aufgebaut sind. Auf der oberen Insel schloss ein Hotel nach dem anderen, während andere niemals geöffnet wurden (zum Beispiel das Hyatt). Ebenso sind legendäre Hotels verschwunden, wie das Bora Bora (nach vierzig Betriebsjahren in 2010 geschlossen) und der Club Med (2007). Selbst auf den Inseln, wo sich die Luxusressorts befinden (Sofitel, St-Regis, Four Season,…), wurde eines von Ihnen, das Lagoon Ressort, in 2010 geschlossen. Bora Bora ist die Insel, die am meisten von der Steuerbefreiung profitiert hat. Diese sollte –ohne Rücksichtnahme auf bestehende Hotels- eine Qualitätssteigerung des Hotelbestands garantieren. Das Ende des Lieds ist, dass die große Insel selbst eine Aneinanderreihung von Zurücklassungen ist. Insbesondere an dem ikonischen Punkt Matira gibt es nur zwei Hotels und einige wenige Bungalows, die an Ortsbewohner vermietet werden. Lediglich sechs Gästehäuser sind noch offen, diese werden verstärkt an Geschäftskunden mit Langzeitaufenthalten oder an Touristen auf Verwandtschaftsbesuch (VFR) vermietet.

Dokument nr.6 – a) Karte der Brachen auf Bora Bora
Dokument nr.6 – b) Hotel “Novotel” in 2011 – © Ph. Bachimon

Die touristischen brachflächen auf den übrigen inseln

Nur wenige Inseln in Französisch-Polynesien entkommen den Zurücklassungen (Dokument nr.1), Offensichtliche Ausnahmen sind die am kleinsten und am weitesten entfernt liegenden Inseln, die niemals Touristen empfangen haben. Denn sogar die Austral-Inseln sind betroffen. Die Insel Tubuai hat kein Hotel mehr. Das von Familie Auméran erbaute Hotel, hat nie wirklich geöffnet. Auch wenn der Anschein auf Rurutu halbwegs besser erscheint, ist das Rururo Dorf selbst in einem halbverlassenen Zustand und übt eine sehr reduzierte Betriebstätigkeit aus (zwei bis drei Pensionshotels sind offen). Tahaa (Leeward Islands) zeigt ebenfalls „wunderbare“ Brachen auf der oberen Insel, während sich auf der äußeren Insel -wie auf Bora Bora- einige Luxus-Pensionen und Hotels (Paradise Resort Vanira) angesiedelt haben. Woanders konnte die gesamte touristische Infrastruktur verschwinden. In 2011 gab es daher in Tuamoto auf der Insel Rangiroa praktisch kein operierendes Hotel mehr. Das Atoll von Tetiaroa, welches Polynesien als UNESCO Weltnaturerbe klassifizieren lassen möchte, hat dagegen die Eröffnung eines Hotels durch den Schauspieler Marlon Brando in 1973 und seine Schließung in 1998 miterlebt. Allerdings haben vor 2009 praktisch keine grundlegenden Bauarbeiten eines Hotels namens „Brando’s“ begonnen…und in 2012 waren diese noch nicht abgeschlossen. Schlussendlich müssen die Marquesas-Inseln genannt werden, die durch den Tourismus kaum berührt sind und wo ein Fall, wie derjenige der „Ferme de Toovi“ in Nuku Hiva charakteristisch für die Instabilität des touristischen Systems ist. Diese Gesamtheit von fünf Bungalows, die auf einem Hochplateau liegen, wurde durch Misswirtschaft ruiniert und durch wiederkehrende Plünderungen verwüstet. In 2011 wurde die Anlage teilweise wiedereröffnet, um einige Teilnehmer des Marquisen-Spiel zu empfangen…bevor der Mord eines Seglers die Veranstaltung überschattete.


Polymorphismus des bestands


Die vorangegangene Bestandsaufnahme stellt eine große Anfälligkeit des Bestands dar. Die Brache kann schleichend auftreten und erscheinen. Wenn sie fortbesteht, überträgt und verstärkt sie die extreme Instabilität des stark verstreuten touristischen Gewerbes, welches oft von geringer Größe und wenig entwickelt ist. Daher kommt der präzisen Messung des Umfangs der Brache sowie der Beschreibung ihrer Vielfalt eine hohe Bedeutung zu. Denn paradoxerweise ist die Brache der stabilste Zustand des touristischen Sektors.
Um das Phänomen der Zurücklassungen abzuschätzen, muss man diese im ersten Schritt als „toten“ Bestand betrachten. Dieser wächst durch weitere Schließungen, während die Summe der Öffnungen (von Hotels oder anderen Freizeiteinrichtungen) den „aktiven“ Bestand bilden. Der aktive Bestand schöpft nicht annähernd das heraus, wie man es bei einer entsprechenden Ressource aus Grund und Boden erwarten würde (Dokument nr.1). Zusätzlich scheint die geringe Fähigkeit zum Flächenrecycling eine Besonderheit von Polynesien zu sein. Das ist vor allem der Fall, wenn das die Aufrechterhaltung der touristischen oder Freizeit-Aktivitäten bedeutet. Im Hinblick auf die häufig außergewöhnliche Lage der Brachen-Ansiedlung, meist in erster Lage, kann das paradox erscheinen.
Das folgende grafische Modell (Dokument nr.7) gibt uns eine Vorstellung über die stattfindenden Prozesse. Der „tote“ Bestand der Brache wird durch die Schließungen beharrlich genährt, während er schwach den Ausstiegen durch Wiederaufnahme des Betriebs unterworfen ist. Daraus ergibt sich, dass er an Umfang rund um seinen -von uns sogenannten- harten Kern zunimmt (Dokument nr.1). Das heißt, rund um die ältesten Brachen (Bel Air, Holiday Inn, Hyatt…), die mit zunehmenden Alter in ihrer Baufälligkeit zu erstarren scheinen. Hierbei muss unterstrichen werden, dass der Schließungszeitpunkt nur annähernd ist. Denn zwischen dem partiellen Betrieb, den Wiedereröffnungen gefolgt von Schließungen, kann man sich leicht irren, selbst das schärfste Gedächtnis der sorgfältigsten Archivare. Das hat zur Folge, dass die Ausschilderung einer seit Jahrzehnten definitiv geschlossenen Struktur fortbestehen kann5. Während sich der Kern des „toten“ Bestands beharrlich behauptet, sind seine Ränder unklar. Wir nehmen das Beispiel des Novotel auf Bora Bora wieder auf. Anfang 2011 gilt dieses als geöffnet (und zwar sogar das Front Office). Die wenigen Kunden, die sich dort aufhielten, zeigten in ihren Blogs, wie beschädigt das Hotel war: das Schild mit dem Markennamen war verschwunden (Dokument nr. 6b), das Hotel besetzt von seinem Personal und deren Eltern…es glich nur noch einem Phantom seiner selbst. Die räumlich diskontinuierliche Gesamtheit, die nur wenige signifikante Konzentrationen in Haapiti auf der Insel Moorea und im Großraum von Papeete auf Tahiti hat, ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Es ist der Bewusstseinsmangel über die Invarianten und Offensichtlichkeiten dieser Besonderheit, der sich uns zur Frage stellt. Auch wenn das Phänomen in seiner vorübergehenden Phase zweifellos bestritten wird, was sich aus „Verkaufsgründen“6 und aus dem ungleichartigen Bestand, der als solcher schwer identifizierbar ist (das Patchwork setzt sich aus Ressorts, Feriendörfer, Familienpensionen, Kleinsthotellerie…Restaurants, Souvenirs… zusammen), erklären lässt.

Dokument nr.7 – Die Versorgung des touristischen Brachen-Bestands in Polynesien.

Wir stellen ein Bild der Schließungsdynamik auf, die oft schleichend mit Mikro-Entwicklungen beginnt und welche sich durch die Konservierung der Gelände über lange Jahre ausgezeichnet. Die ältesten Brachen verschwinden übrigens oft in einer „sekundären“ Bewaldung.
Die ersten sichtbaren Aspekte der Verlassenheit treten nach dem unverkennbaren Rückgang der Instandhaltung auf (das wöchentliche Rasenmähen wird nicht mehr durchgeführt, die Farbe der Gebäude blättert ab, Berge von Vegetation verrotten unter alten Reifen, wo in Pfützen stehendes Wasser den Moskitos als Brutstätte dient…(Dokument nr.5b)). Innerhalb weniger Monate treten die ersten irreparablen Schäden der Gebäude auf, das heißt die Dächer werden undicht und sind im besten Fall „Bedeckungen“ (Dokument nr. 6b). Währenddessen erscheint die wilde und üppige Invasions-Vegetation zuerst auf der Basis von stacheligen Mimosen und strauchartigen Lanatas, die kaum einen Meter erreichen. Dann folgt Waldwuchs auf der Basis von Guajavabäumen, Falcatas, Miconia…7 und schließlich entwickelt sich das undurchdringliche Chaos zu einem dichten Wald. Die Luftfeuchtigkeit beschleunigt den Prozess. Sie belegt vor allem den unteren Teil der Grundstückszäune mit Rost und die Pfosten mit Fäulnis. Der Strand ist durch die Bäume (purau) wiederbesiedelt und durch Schnecken (nonos)8 infiziert, und im Fall, wenn dieser künstlich ist, durch starke Wellen und Stürme abgetragen.
Von diesem Zeitpunkt an können vielfältige unregelmäßige Aktivitäten in den denaturalisierten Zurücklassungen auftreten. Diese reichen von durchquerenden Abkürzungen zum Strand, über die Wiederaneignung durch Hausbesetzer (Paka-Kultur, Rock-&Rave Partys, Plünderungen der Ruinen). Der große Saal von Moorea diente als Skateboard-Bahn, während die Lobby Hana Iti die Parallel-Polizei (groupement d’intervention polynésien (GIP))9 unterbrachte. Die Plünderungsphase ist gekennzeichnet durch Respektlosigkeit (Graffiti, Handel, Brände (Dokument nr.4c)…) und Verstöße gegen das Eigentum. Einige Eigentümer setzen daher eine Wache ein oder verkaufen alles, was verkaufbar ist (zerlegte Bungalows, Sanitäranlagen, Zierpflanzen,…). Von 2005 bis 2007 war es möglich, den Holzbeschlag der Bungalows des Clubs zu kaufen, das ist noch immer der Fall für Fare Gendron oder für das Hotel Bora Bora (Dokument nr. 8). Am Ende dieser Phase bleibt als Hinweis auf die touristische Einrichtung lediglich die Betonplatten der Klärgruben der verschwundenen Bungalows übrig…verstreut in einem dunklen und unentwirrbaren Gestrüpp.

Dokument nr.8 – Beispiel eines wieder verwendeten und dann hergerichteten Bungalows, der heute als Zweitwohnung fern seines ursprünglichen Standorts verwendet wird. Rechts eine Wasserzisterne und zur Freizeitnutzung ihrer Besitzer notdürftig ausgebesserte Häuser. © Ph. Bachimon.

Die stigmatisierende Wirkung der Zurücklegung auf die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umwelt vollendet den Prozess der Zurücklassung. Während seines Betriebs brachte Club Med das erste und belebteste Einkaufszentrum der Insel Moorea hervor. Dieses befand sich gegenüber dem Haupteingang und über der Unterkommune Haapiti. Es gab dort zehn Restaurants, Arztpraxen, Service-Center (Autovermietung, Tankstellen,…) und touristische Geschäfte (Perlen- und Modeverkauf, Souvenirläden,…). Fünf Jahre nach der Schließung des Club Med haben mehr als die Hälfte der kleinen Geschäfte den Betrieb eingestellt. Es ist ebenfalls wichtig zu wissen, dass der Club mit über 170 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Insel Moorea war (ohne indirekte Mitarbeiter: Lieferanten, Fischer, Bauern,…). Alle haben entweder ihren Arbeitsplatz oder einen wesentlichen Teil ihres Einkommens verloren. Ein nicht-quantifizierten Teil unter ihnen musste die Insel verlassen und ließ einige verlassene Wohnungen zurück.
Es ist wichtig, die Komponenten von Wiederaufnahme hinzuzufügen, die diese Verkettung erschweren und komplizieren. Während ihrer Betriebstätigkeit zeichnen sich die Hoteleinrichtungen im Allgemeinen durch ihre Isolation aus. Durch einen Zaun wird der Zugang zur Einrichtung via Bergseite abgesperrt, während die Meerseite weitläufig offen bleibt, damit diese für die einzelnen Kunden leicht zugänglich ist. Um die Betriebe nach der Schließung der Einrichtung für eine Folge vergänglicher Aufschwungsprojekte zu schützen, werden diese auf Meerseite komplett abgeschottet. Das verstärkt ihre vollständige Schließung und unterbindet sogar den Zugang zum Strand (Dokument nr.9b). In dieser unsicheren Lage (denn die Barrieren sind nur selten wasserdicht) kann die „Wiederverwendung“ eintreten. Das kann sich um abmontiertes Baumaterial handeln, welches eingelagert und dann verkauft wird (beispielsweise die Sanitäranlagen und Bungalows (fare) des Hotel Bora Bora), so dass sich der Ort schließlich leert. Manche Eigentümer haben Rodungen durchgeführt, um reinen Platz zu schaffen, während andere die ausgebesserten Bungalows am Wochenende besetzen. Die Bungalows sind nicht mehr an das Strom- und Wassernetz angeschlossen, was dazu führt, dass die Eigentümer Regenwasserbehälter und Aggregate einrichten (Dokument nr. 8b). Das hat eine Landschaft mit offenen Lichtungen (gepflegte Rasen umgeben Bungalows in recht gutem Zustand (Dokument nr. 8a)) zur Folge, die von Gestrüpp und Wäldern umgeben sind.
Dieser Prozess der Wiederaneignung wird vor Ort als „legal“ betrachtet, sofern er durch einen Eigentümer und dessen Angehörigen vorgenommen wird. Dieser Prozess findet nicht ohne charakteristische Missbräuche statt. Auch wenn dort teilweise dauerhaft gewohnt wird und man in der touristischen Zone bleibt, sind die ersten festgestellten Kennzeichen Überschwemmung auf der Meerseite. Außerdem haben wir auf dem Brachland des Clubs feststellen können, dass sich das „Erweitern“ der Absperrung des Strands verbreitete. Ein Eigentümer, der durch die Verbreiterung der Absperrung einige zehn Meter des öffentlichen Strands hinzugewinnen konnte, sagte uns, dass er davon ausgegangen sei, dass sein Eigentum „mit der Grenze der Kokospalmen aufhörte“ (Dokument Nr. 9a). Wenn es nur der so annektierte Hinterstrand wäre, bestehend aus einer aus dem Meer gewonnen Steinaufschüttung (patu). Aber anhand dieses Beispiels zeigt sich auch eine nicht unwesentliche Funktion der Brache. Sie erlaubt es nämlich, ohne externe Beobachtung illegale Handlungen durchzuführen. Diese haben „vollendete Tatsachen“ zur Folge, von denen man erhofft, dass die Erinnerung daran im Laufe der Zeit bei eventuellen Zeugen schwindet.

Dokument nr.9 – Der versperrte Zugang zum Meer wird durch die Brache verstärkt. Bei zwei Hotelbrachen (Moorea und Bora Bora) knapsen die Anwohner entweder nach und nach Teile vom öffentlichen Raum ab, indem sie ihren Zaun immer weiter zum Meer schieben oder eine Absperrung schiebt sich im Meer vor und schneidet den Strand ab. © Ph. Bachimon.

Alle diese Stilllegungen, die zuerst zu einer Renaturalisierung und dann manchmal zu einer prekären Wiederaneignung führen, haben einen ansteckenden Effekt. Außerdem sind sie ein Phänomen, welches man als Indikator für eine tiefe Krise des Tourismus analysieren kann. Die Zurücklassungen scheinen unfähig zu sein, in den schönsten Gebieten fortzubestehen, außer als Katalysator für die besagte Krise. Eben in diesem Bereich scheint es, als könne die touristische Brache unter Rückgriff auf einen territorialen Diagnose-Ansatz analysiert werden (Dérioz, 2008).

Infragestellung des gesamten tourismus

Vergleicht man den “toten” Bestand (die touristische Brache) mit dem “lebendigen” Bestand der offenen Hotels, wird deutlich, dass die ersten 1.500 geschlossenen Einheiten (Betten, die den Markt verlassen) gegen 3.000 geöffnete Einheiten getauscht wurden, eine erhebliche Größe. Tatsächlich wird der “tote“ Bestand durch Schließungen besonders gut nachversorgt, die den “lebendigen” Bestand regelmäßig kennzeichnen. Dieser sieht sich einer fallenden, durchschnittlichen Öffnungszeit gegenüber, die nur noch 15 Jahre beträgt. Hierbei ist zu wissen, dass die touristische Investition auf einer Amortisationsrechnung von 20 Jahren beruht, während der Bestand der Zurücklassungen aber sein Durchschnittsalter auf bis zu neun Jahren erhöht. In diesem Sinne kann die touristische Stilllegung auf Polynesien nicht mehr mit einer Anpassungsvariablen gleichgesetzt werden. Außer vielleicht für eine kurze Zeit, das heißt in der Zeit, die in der Aufeinanderfolge von zwei Tätigkeiten am selben Ort verstreicht. Mittel- und langfristig findet das Wachstum der Brache in einer anderen Größenordnung statt. Denn die Ausdehnung des toten Bestands, der regelmäßig von Schließungen aufgefüllt wird, zeigt, dass es weder als Bauerwartungslandland noch als Immobilien-Chance betrachtet wird. Es scheint sich sogar das Gegenteil darzustellen, denn die Brache scheint alle touristischen Wiederinvestitions-Projekte einzufrieren. Diese letzte Besonderheit muss näher erklärt werden, denn die touristische Brache ist in Französisch-Polynesien zu einem dauerhaften und wiederkehrenden Phänomen geworden. Wenn das auch viel von der spezifischen Rauheit der Brache abhängt –wie es die Besetzung des Gebiets durch seine Eigentümer ist, die illegale Besetzung nach Gewohnheitsrecht des ersten Besetzers…und manchmal sogar durch die von den Eigentümern -zur Vermeidung des letzten Falls- angestellten Hüter, darf nicht vergessen werden, dass die touristischen Investoren in Französisch-Polynesien tatsächlich vorhanden sind (wie die Vielfalt der Projekte zeigt) und dass die Finanzierungsquellen, durch die Steuerbefreiung erhöht, ebenfalls vorhanden sind. Deshalb verdient der Blockier-Mechanismus eine besondere Betrachtung.

Die anfänge der touristischen investitionen

Starten wir mit unserem Beispiel des Club Med auf Moorea. Er wird im Jahr 1963 auf dieser Insel in der Gemeinde Haapiti (nördlicher Teil der Insel) gegründet und liegt auf einem 15ha großem Feld entlang des Strands, gegenüber einer kleinen Insel (motu). Das Dorf besteht aus etwa 30 Bungalows aus lokalen Materialien (Pandanus-Dächer und Rahmen aus Kokospalmen-Stamm), deren Zahl sich bis in die 70er Jahre verdoppelt hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen, insbesondere in Huahine, instrumentalisiert der Club keine Klima-Effekte, um seine Schließung zu rechtfertigen. So baut der Club 1983, nach dem Durchzug des Hurrikan Veena, seine Bungalows basierend auf den Antizyklon-Standards wieder auf. Auch als der Durchgang einer starken Welle einen Teil der Lobby beschädigt, wird ein Schutz durch Kolben aus Steinblöcken auf dem Strand gebaut (patu) (Dokument nr.10).
Das Gelände, welches ehemals Ferdinand Pater (1866-1918) gehörte, blieb nach seinem Tod ungeteilt. Eben in dieser ungeteilten Form unterzeichnete der Club im Jahr 1978 einen langfristigen Pachtvertrag von 33 Jahren (also Ende der Laufzeit in 2011), mit Möglichkeit einmal zu verlängern. Im Jahr 2000 hat das Gelände 29 Eigentümer. Für diese ist die grundlegende Frage nicht die Aufteilung des Landes, das in anderen Fällen (Fare Gendrom in Moorea, Hotel Mareva auf Tahaa) der bestimmende Faktor ist, sondern die Neuverhandlung des Pachtvertrags.

Dokument nr. 10 – Steinschüttung auf Pfeilern (patu), um einen künstlichen Strand zu vergrößern (hier den des Club Med von Moorea) © R. Brothers, 2009

Die konflikte zwischen den eigentümern

Die Schließung des Club Med von Moorea wird im Allgemeinen als Ergebnis eines familiären Konflikts zwischen den Eigentümern dargestellt, was bei Verlängerung des Pachtvertrags auftrat (Anlage 2). Vor dem Hintergrund wichtiger Renovierungsarbeiten (ungefähr 5 Milliarden fcp (d.h. 40 Millionen Euro)) schlug der Club in 2002 vor, seine Pacht mit zehn Jahren Vorwegnahme zu erneuern und wendet sich damit an die Erben des Paters10. Während der Verhandlungen bietet der Club eine jährliche Miete von 72 fcp bis 660 fcp (1 bis 5 Euro) pro Quadratmeter, und ergänzt diese durch Sachleistungen wie die Bevorrechtigung der Familienmitglieder bei der Stellenbesetzung (Kellner, Barkeeper, Hausmeister). So hätte ein Eigentümer von 5.000 m2 (Beispiel für eine durchschnittliche Anteilsgröße) seine jährliche Miete von weniger als 360.000 fcp auf mehr als 3 Millionen fcp erhöhen können (d.h. von 2.800 auf 24.000 Euro). Einige Familien werden diesen Vorschlag unter der Vorgabe abgelehnt haben, dass sie die Ländereien für ihren persönlichen Gebrauch zurückhaben möchten. Das heißt als Freizeit-Wohnfläche, denn das ist im Zweifelsfall die einzige zulässige Verwendung in einem touristischen Gebiet. Dabei handelt es sich um Familien, die auf Tahiti wohnen und eine Wochenend-Destination suchen. Die Unmöglichkeit eine Einigung zu erzielen, fußt auch auf dem Bruch, der zwischen den Eigentümern besteht. Ein Teil der Eigentümer hat ein niedriges Einkommen und erwartet die Grundpacht als erste Einkommensquelle. Anderen Eigentümer, Beamte, die in Papeete ansässig sind, erscheint die vorgeschlagene Summe bestenfalls als Einkommensergänzung, was eine langfristige Immobilisierung ihres Grundbesitz für eine touristische Tätigkeit nicht rechtfertigt, wird sie auch als Priorität des Territoriums dargestellt11. In 2003 beendet Club Med die Verhandlungen mit dem Argument, dass die Rentabilität aufgrund der zu hohen Mieten sinken würde und schließt in 2005, nach mehr als 40 Jahren Präsenz, sein Dorf von Moorea. Das ist der Beginn der größten touristischen Zurücklassung von Französisch-Polynesien. Diese ist “nicht vollständig”, wie wir es bei anderen Geländen gesehen haben, da ein Teil des Anwesens (circa 20 von 70 Bungalows) rasch als Urlaubsort von einigen Eigentümern eingerichtet wird, die aus Mangel an einer offiziellen Kataster-Division, eine eigene Aufteilung vorgenommen haben. Diese sehr verbreitete Praxis “der Besetzung des Landes durch Eigentümer (legal oder vorgegeben)12 hat Vorrang vor der “touristischen Berufung” des Geländes. Tatsächlich kehrt der Besetzer dahin zurück den internationalen Tourismus zu beenden und durch seine mehr und mehr dauerhafte Besetzung zu ersetzen, selbst wenn sie vom Wasser- und Stromnetz abgeschnitten bleiben. Diese Prekarität verhindert nicht, dass sich die Übergangsbehausungen im Laufe der Zeit stabilisieren, um nach der Unantastbarkeit einer scheinbar provisorischen Situation zu streben (Dokumente nr.11 und 13).

Dokument nr.11- Der Zustand des Bungalows und des Rasens zeigt die Besetzung eines Teils des Geländes durch seine Besitzer. Dazu verstärken diese die Zäune mit Vorhängeschlössern © Ph. Bachimon.

Die projekte ohne zukunft

In der Öffentlichkeit wird nicht über die Brachen gesprochen… es herrscht Stille im radio cocotier (gebräuchliche Bezeichnung für die vox populi, die Gerüchte und autorisierte Informationen verbreitet). Es scheint sogar, als ob die Brachen nach und nach an Unsichtbarkeit hinzugewinnen (die Nachbarschaft schenkt ihr keine Aufmerksamkeit mehr und die Touristen verwechseln sie schließlich mit dem natürlichen Umfeld). Damit geht ein Teil ihrer Fähigkeit als Gedenkstätte verloren und sie gewinnt an Widerstandsfähigkeit. Auch ist es nicht immer einfach die verschwunden Hotels wiederzufinden. Das Hyatt auf Bora Bora, es ist wahr, dass es unvollendet geblieben ist, wurde auf diese Weise vergessen. Sogar von den Nachbarn, obwohl diese in den mit dem Projekt identischen Bungalows wohnen (haben sie sich diese zurückgeholt und wollen aus diesem Grund nichts darüber wissen?). Die Brache wird unsichtbar unter dem Mysterium von apokryphen und widersprüchlichen Erzählungen gelegentlicher Informanten oder „Hütern“ der Orte. Deren Geschichten überziehen die Brache nach und nach mit einer Aura, die eine erneute Verzauberung begünstigt. Das ist das Gegenteil dessen, was die Brache zu Beginn kennzeichnete. Anfangs florierten dort die Aufschwungsprojekte und sorgten damit für Schlagzeilen in der Lokalpresse, auch wenn sie keinen Grund dafür hatten und vielleicht ganz einfach nur die Fehlleistung überwinden wollten. Es ist dieser Hype, ausgelöst durch eine Aufeinanderfolge von Ankündigungen, der den langen Todeskampf des Club Med gekennzeichnet hatte.
Der Niedergang begann im Übrigen mit der Vorlage des Projektplans des Club Med, der im Falle einer Verlängerung des Mietvertrags den Wiederaufbau eines Dorfes „quatre trident“(eigene Klassifizierung des Club Med) mit 220 Zimmern und 30 Bungalows auf dem Wasser vorsah. Dieses entspräche einem 5-Sterne Haus, das Ende 2003 eröffnet hätte. Die Investition hätte 50 Millionen Euro vor Steuerbefreiung betragen (Dokument nr.12.).

Dokument nr.12 – Beispiel eines “gescheiterten Projekts”. Die Renovierung des Club Med zum Zeitpunkt seiner Schließung, präsentiert vom Club. © Charles Mercier, Architekt.

Das Projekt eines neuen Clubs ist –wie wir es geschildert haben- gescheitert, circa vier bis fünf andere tauchten wiederum auf. Das bekannteste darunter ist das Daleo-Projekt, getragen durch die Fulton-Gruppe zwischen 2007 und 2009. Es bestand daraus, einen Komplex an der gleichen Stelle des ehemaligen Clubs zu bauen, jedoch mit einem höheren Renommee. Jedoch blieb er bescheidener hinsichtlich der Bungalows (circa 60 Zimmer wären im gleichen Gebäude eröffnet worden) und ohne Häuser auf Pfahlwerk, außer einem Restaurant13. Daleo schlug eine jährliche Miete von 1.200 fcp (10 Euro) pro Quadratmeter vor oder den Kauf des Geländes für 25.000 fcp (200 Euro) pro Quadratmeter, was einer Investition von rund 3,8 Milliarden fcp (30 Mio. Euro) entspräche, hinzu kämen die Mietrückstände des Clubs von circa 45 Millionen fcp (oder 360.000 Euro). Während sich die überwiegende Mehrheit der Besitzer für die geplante Verpachtung an Investoren aussprach, gaben fünf von ihnen an, dass sie es vorzögen, ihr Land zurückzuerhalten. Das entsprach lediglich einer Fläche von 15ha des Geländes.
Seit der Aufgabe des Daleo-Projekts sinkt –zumindest in der Öffentlichkeit- die Erscheinungshäufigkeit neuer Tourismus-Projekte. Die Wirtschaftskonjunktur zeichnet sich, auf Tahiti wie auch woanders, durch einen starken Besucher-Rückgang aus, was eine niedrige Auslastungsrate der noch geöffneten Hotels induziert (Dokument nr.14).

Konsens gibt es im tourismus nur dem anschein nach

Wenn man feststellt, dass die Grundbesitzer durch ihre Ablehnung touristischer Projekte nicht die Vision des öffentlichen Interesses teilen, und dass diese Haltung durch die chronische politische Instabilität unterstützt wird, die z.B. zur Folge hat, dass keine Akte von Anfang bis Ende von dem gleichen Minister betreut wird, und dass keine zwingenden Entscheidungen getroffen werden, muss folglich eine neue Variable in die Analyse integriert werden. Eine Variable, die berücksichtigt, dass der Tourismus weit davon entfernt ist, als Segen wahrgenommen zu werden. Als Segen ohne schädliche Nebenwirkungen und das von einem großen Teil der Bevölkerung. Ein Teil der Grundbesitzer sind nicht länger Landbewohner, die von ihrer Bodenpacht leben, sondern Städter auf der Suche nach Erholung und Urlaub. Ein gut gelegenes Gebiet direkt am Meer kann für sie einen sofortigen Konsumwert haben, welcher höher eingeschätzt wird als die Perspektive auf eine Bodenpacht. Aber auch die Steuerbefreiung selbst hat die Ausgangslage verändert. Die Investition rechnet sich bereits ab einem Drittel ihres Wertes, die Projektpartner (Grundeigentümer, Banken, Hotelketten) werden viel profitgieriger. Der Anleger ist übrigens von vorneherein, seit Beginn der Vertragsverhandlung, der zauberhaften Mehrwerte, die er erzielten wollte beraubt, er muss –manchmal bis ins Extreme- seine Margen verkleinern und den aus seiner schwachen Risikobereitschaft gezogenen Vorteil umverteilen (Reboud & alii, 2007). Das ist die absurde Wirkung einer Maßnahme, die dazu beiträgt, den gesamten Sektor zu destabilisieren, sogar dort, wo er intakt und rentabel ist. In diesem Sinne ist der Grundstatus der Länder, die dem Tourismus überlassen werden, weniger wichtig als der Hiatus, der zwischen dem kurzfristigen Steuervorteil für den Investor (Rückgewinnung innerhalb von fünf Jahren nach dem Einsatz) und einem langfristigen Mietvertrag (Rückgewinnung der Ländereien innerhalb eines Zeitfensters von 50 Jahren) besteht.
Hat sich der Tourismus in Polynesien von seinem eigentlichen Ziel losgelöst? Die Frage, ob Polynesien den Tourismus wünscht oder nicht, ist bis heute niemals Gegenstand einer Raumplanungs-Debatte gewesen. Lediglich auf der Insel Maupiti wurde 2005 ein Referendum zu einem großen Hotelprojekt organisiert. Die Bevölkerung sprach sich übrigens gegen die Stadt aus (die hier die ganze Insel repräsentiert). Das Projekt wurde als unverhältnismäßig angesehen und würde (nach vox populi) die bestehenden Familienpensionen konkurrenzieren. Es ist wahr, dass die mangelnde Berücksichtigung der Volksmeinung eine lokale, post-koloniale Konstante ist, die auch während der Frage nach der Ansiedlung des Centre d’Expérimentation du Pacifique (CEP) zum Vorschein kam oder bei der Entscheidung zwischen Autonomie und Unabhängigkeit. Aber letztlich erstaunt die Beobachtung der quantitativen und qualitativen Daten über die tatsächlich nicht saubere Einbindung der Bevölkerung von Französisch-Polynesien.

Dokument nr.13 – Inanspruchnahme des Landes des Hotels Bel Air, die „historische“ Brache von Tahiti durch die „Hausbesetzer Eigentümer“. © Ph. Bachimon.


Dokument nr.14 – a) Das Zurückfallen des Tourismus auf Französisch-Polynesie. b) Der Cargo-Kult auf den Tourismus angewendet (Butler-Kurve). Die polynesische Wirtschaft zeichnet sich durch eine Abfolge von Mono-Aktivitäten aus. Der Glaube an eine „dauerhafte“ Wohlstands-Ära durch den Tourismus (grüner Strich) sollte den Zyklus des Centre d’Expérimentation du Pacifique (CEP) verlängern.

Die grosse kluft zwischen rhetorik und praxis

Wenn die Sprache sowohl auf politischem Niveau als auch auf wirtschaftlichem Niveau kongruent, rational und projektiv ist, wird der Tourismus als Maßnahme zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit präsentiert. Als Reichtum, der von außen kommt, analog der Magic des Cargo-Kults, der die Vorstellungen der Pazifik-Inseln kennzeichnet (Worsley, 1957) (Dokument nr. 14b). Die Praxis ist ganz anders. Die Projekte scheinen sich an einer komplexeren Realität zu stoßen, was das Zurückfallen des Tourismus auf Polynesien im Vergleich mit dem weltweiten Wachstum erklären könnte (Dokument nr.14a). In der Realität stellt sicherlich die Protektion und Vetternwirtschaft bei der Neuverteilung von Hilfeleistungen eines der größten Hindernisse dar sowie die Steuerbefreiungen für Tourismusbetreiber durch die Regierung. So ist die Steuerbefreiung das wichtigste Instrument der öffentlichen Hilfe (Staat und Land haben sie in zweifacher Ausführung durchgeführt) gewesen, welche allerdings einen umgekehrten Effekt als den zu erwartenden hervorgebracht hat (d.h. einen absoluten oder relativen Rückgang des Tourismus (Dokument nr.14a)), ungeachtet des politischen Kontexts. Hatte sie zum Beispiel in einem ersten Schritt (während der autonomen Machtperioden der Flossie-Ära) die großen Projekte der Konzerne (Wane, Hilton, Accor, Sheraton) bevorzugt, ging dies auf Kosten der Sanierung von bestehenden Einrichtungen und auf Kosten von kleineren lokal-initiierten Projekten (Reboud & alii 2007). Wenn im Gegenzug, während den Machtperioden der Unabhängigen, die Hilfen für Familien-Pensionen (Auszeichnungen, Beschaffung von einzugsfertigen Bungalows, Solarzellen, Windkrafträder…zum Selbstkostenpreis, um nicht zu sagen manchmal kostenlos) großzügig waren, wurden diese „Pensionen“ nicht immer lange für Touristen geöffnet, wenn sie überhaupt geöffnet wurden! Falls durch Zufall in den Wachstumsphasen des Tourismus, die beiden Sektoren in scheinbarer Komplementarität nebeneinander bestehen konnten –die Pensionen wendeten sich an die lokalen Touristen oder die Touristen auf Verwandtschaftsbesuch (VFR), während die Luxushotellerie die internationalen Kunden empfing, versuchte in den Regressionsphasen jeder den „schwarzen Peter“ jemand anderem zuzuschieben. Die Hotels senkten durch multiple Sonderangebote ihre Preise (besonders auf der Insel Moorea aufgrund seiner Nähe zu Papeete), um lokale Touristen mit hoher Kaufkraft anzuziehen. Die Pensionen reagierten mit Absprachen mit Air Tahiti z.B. anlässlich der populären „Binnentourismus-Messen“. Air Tahiti ist der einzige öffentliche Transporteur, der es bis heute geschafft hat, jedes Auftauchen von konkurrierenden Fährverbindung mit den Leeward-Inseln zu unterbinden (Du Prell, 2003). Das Ergebnis bestand in einer starken und steigenden Spannung zwischen den beiden Sektoren und der Schwächung der Gesamtrentabilität. In diesem Spiel hätten die Pensionen widerstandsfähiger erscheinen können (weniger Lohn- und Fixkosten), wenn die Betriebsführung professioneller gewesen wäre. Aber das ist nicht immer der Fall und die Entmutigung (das berühmte „fiu“ (=Langweile)) führt dazu, dass schnell mit Auflösungsprozessen begonnen wurde (minimale Instandhaltung, Öffnungsbeschränkungen, Nachlässigkeit…). Diese hatten teilweise, vorläufige oder endgültige Zurücklassungen der kleinen Strukturen zur Folge. Wir verstehen nun, wie sich das Phänomen der Zurücklassungen verbreitet, angefangen von den Ressorts bis zu den Pensionen, und so alle touristischen Subunternehmen beeinflusst14.

Der Widerspruch zwischen der öffentlichen Ansprache –einstimmig für die Entwicklung des Tourismus- und der fehlenden Berücksichtigung der privaten Meinung –vermischt mit einer Praxis, die im hohen Maße die Erwartungen der Familienmitglieder berücksichtigt, und mit Wählern, die stark die Micro-Inseln verlassen, wird nicht ohne auftauchenden Konflikt andauern können. Wenn es vielleicht nicht nur das Ablehnen der Realität ist, die den Anstieg der Brachen hervorgerufen hat, scheint es sich festzusetzen, dass die „rationale“ Rede in Französisch ausgesprochen wird, während das Wort „Kultur“ in reo maohi gesagt wird (Saura, 2010). Die Zweisprachigkeit hätte letztendlich vielleicht den Effekt, die Spannung zwischen lokal und global erstarren zu lassen. Die touristischen Zurücklassungen und ihre Verkörperung durch die Brache ist eine wiederkehrende Art der räumlichen Ausdrucksweise. Hierbei muss angemerkt werden, dass die seltenen Fälle von Wiederherstellung der Brachen das Ergebnis von Wohnprojekten ist. Dazu haben wir das Beispiel des Huahine Beach Club gesehen, der 1998 geschlossen wurde und durch neue Häuser auf Parea ersetzt wurde. Oder das Bali Hai von Moorea, welches zu einem Residenzhotel -wie das Manava und das Radisson auf Tahiti- umgeformt wurde. Letztendlich lehnen sich die meisten, nicht enden wollenden (oder noch nicht!), zukünftigen Projekte an die Wohnresidenzen von Senioren an. Als ob Wohnprojekte mehr Zustimmung finden würde als die Tourismus-Entwicklung.

Resümee: scheinbare paradoxe der touristischen brache

Die touristischen Zurücklassungen sind weit davon entfernt vor Ort in ihrem ganzen Umfang oder in ihrer Vielfalt wahrgenommen zu werden. Während die Brache natürlich vorhanden ist, gibt sie kaum Anlass zu ausgearbeiteten Beiträgen, geschweige denn zu einer retrospektiven oder introspektiven Analyse. Die touristischen Brachen sind übrigens in der kategorischen Auflistung Polynesiens niemals als solche bezeichnet worden, sondern man spricht über diesen oder jenen aufgegebenen Ort…und das nur, wenn ein Aufschwungsprojekt dort auftaucht. Die Brache ist scheinbar eine Projektion. Meistens nicht realisiert, um nicht zu sagen nicht realisierbar, wie die x-te Wiederholung des Cargo-Mythos (Worsley, 1957), obwohl alle Indikatoren (Rückschlüsse aus der Landschaft und Erholung, Resonanz auf den umliegenden Tourismus) zeigen, dass ihr Einfluss, gerade der nicht-prädikative, beträchtlich ist.
Lediglich die Landfrage, meistens ungeteilt und aus wirtschaftlicher Perspektive oft als “Krebsgeschwür von Polynesien” bezeichnet, wird als erklärender Faktor vorgeschoben. Sicherlich scheinen ihr viele Resorts (Club Med, Bel Air, Meridian…) zum Opfer gefallen zu sein (Dokument Nr. 14b). Dennoch ist dieser Aspekt manchmal nur ein Auslöser, ein Indikator für Misswirtschaft oder andere Probleme…wenn man bedenkt, dass viele Hotels in stabiler Landposition (Cook, Tahaara, Hana Iti…) das gleiche Schicksal hatten wie die Hotels, deren Landfrage nicht geklärt war.
Es ist auch die „Besetzung“ des geteilten, segmentierten und rückgeforderten Gebiets durch die Eigentümer…die manchmal auf die angrenzende Küste überspringt…welche fast am besten die „Wiederverwertung“ der touristischen Brachen kennzeichnet. Wenn diese Haltung ein prekäres, wenig ästhetisches Siedlungsbild verursacht, ähnelt das in erster Linie einer Blockade (wenige Zwangsräumungen werden vollstreckt, trotz der Vielzahl von Rechtstreitigkeiten zwischen den Begünstigten) oder einer Verweigerung des internationalen Tourismus als erste Einnahmequelle von Französisch-Polynesien, die von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt wird. Nach dieser ganzen Grundeinstellung, die Gegenstand einer paradigmatischen Unterrede ist, wäre es nicht absurd, an einen unausgesprochenen Konsens zu glauben. Einen Konsens zwischen denjenigen, die das touristische Modell ausschließlich für ihre Praxis reproduzieren und denjenigen, die an das Land einen symbolischen Wert binden, was es unveräußerlich und unempfindlich gegen äußere Praktiken macht.
Umgekehrt könnte die Raumplanungspolitik nur eine Illusion basierend auf dem touristischen Wirtschaftszweig sein. Eine Signalwirkung, um ihre Entschlossenheit und ihr Ziel der wirtschaftlichen, sogar der politischen, Unabhängigkeit auszudrücken (Anhang 3). Bei der Analyse der Projekte und deren Ergebnisse sehen wir, dass diese eher einschränkend als expansionistisch sind. Indem sie den Fokus auf einen „geschlossenen“ Tourismus legen (Golf, Resorts, Reedereien…) (Cazes, 1984), statt auf eine breite Öffnung für beispielsweise Privattouristen, betonen sie außerdem die Marginalisierung der Touristen, was zu ihrer Ablehnung führen könnte. Das scheint „um so erwiesener“ als dass keine seriöse quantitative Bewertung davon, was eine echte touristische Entwicklung sein soll, vorangetrieben wird (Gay, 2009). Wissend, dass eine Destination, die lediglich vom Tourismus lebt, nur ab 5 bis 10 Touristen pro Jahr und pro Einwohner überleben kann (breite Spanne aufgrund des Lebensstandards des Empfängerlands und der Bandbreite der betroffenen Touristen), hätte das logischerweise für Polynesien zur Folge, dass anstelle von 150.000 bis 200.000 Touristen pro Jahr, also sechs bis zehn Mal mehr Touristen empfangen werden müssten, wenn es das Ziel sein soll, den aktuellen Lebensstandard zu halten. Das hieße circa zwei Millionen Touristen pro Jahr! Wer möchte wirklich in Französisch Polynesien so viele Touristen sehen? Der Berufsstand natürlich, aber dieser ist nur schwach in die politischen Entscheidungen eingebunden. Im Wesentlichen berücksichtigt letztere die kleinen Eigentümer, die sich in erster Linie einer Wohnwirtschaft zuwenden (Vermietung, Bau,…Besetzung), die weniger stark ihre Güter in Beschlag nimmt.
Letztendlich könnten einige touristische Brachen Ziel eines kulturellen Tourismus werden. So ist es bereits mit einigen älteren Brachen in Polynesien geschehen, beispielsweise mit den Marae-Tempeln der ehemaligen polytheistischen Religion, oder mit den seit 1020 aufgegebenen kolonialen Plantagen des späten 19. Jahrhunderts…die aber heute den Großteil der touristischen Ausstattung empfangen (Bachimon, 1998). Sie könnten Gegenstand von Erhaltungsmaßnahmen sein, im polynesischen Erbe eingeschrieben werden und so an der Tourismus-Identität teilhaben (McKay, 2008). Denn sie kennzeichnen die Wirtschaft der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wie zum Beispiel die Einrichtung des Centre d’Expérimentation du Pacifique (CEP) auf dem Mururoa-Atoll. Sie könnten also vorsorglich in den tatsächlich geschützten Kreis der Touristik eingeschrieben werden, um ihre mehr oder weniger „harte“ und dauerhafte Zersiedlung durch Besetzer zu vermeiden. Diese oft schleichende, aber in ihrem Resultat endgültige Besetzung, hat nämlich zur Folge, dass die touristischen Brachen aus dem Bestand der verfügbaren Bodenressourcen aussteigen, was jede Wiederaufnahme und noch mehr ihre Erhaltung unmöglich macht.

FUSSNOTEN

1Das Hotel gehört Réginald Flosse, Sohn von Gaston Flosse und ging 1998 in Konkurs. Nachdem Vater und Sohn aufgrund illegaler Interessensnahme in 2006 verurteilt wurden, erweist sich jede Wiederaufnahme als unsicher.
2 Hafen-Brache mit einem leeren Hafenbecken und einem schwach ausgelasteten Gewerbegebiet. Mehrere Gründe (Ausrichtung der Hafeneinfahrt gegenüber den starken Wellen aus dem Osten) zeigen, dass dieses Projekt unnötig war und beträchtliche Schäden für die Küste… und die lokalen Finanzen… gebracht hat.
3 Der botanische Garten wurde 1919 von Harrison Smith gegründet. Das Gauguin-Museum wurde 1965 in einem Teil des Parks durch die Singer Polignac Stiftung eröffnet, das heißt 60 Jahre nach dem Tod des Malers, der 1905 auf Marquesas starb (Staszak, 2006).
4 GIP: Groupement d’Intervention de la Polynésie. Miliz der Flossie-Ära, die zwischen 1995 und 2004 seine prätorische Bewahrung bildet. In 2011 diskutiert die unabhängige Regierung noch immer die Integration der letzten 123 GIPs in öffentliche Funktionen, obwohl ihrer illegale Struktur bezeugt wurde
5 Wir kommen noch mal auf die imposante Karte des Huahine-Flughafens zurück, welche eine Phantom-Hotellerie darstellt. Auf Tahiti wird sogar das Hotel Bel Air, welches seit über 30 Jahren geschlossen ist, auf einem Kreisel ausgeschildert. Und das durch Schilder die weit jünger sind als die Schließung. In seiner mündlichen Bezeichnung besteht der so genannte touristische Ort länger als seine Betriebsbereitschaft. All das erscheint erstaunlich auf den eher spärlich beschilderten Inseln.
6 Symptomatisch erscheint außerdem der Fall des Tiki Village auf Moorea. Es besteht weiter, ähnelt aber es eher einem abdriftenden Seeschiff, welches überall Wasser einlässt (Dokument Nr. 5), obwohl es als „Muss“ der Destination bezeichnet wird. Im Hinblick auf Zufriedenheit ist es das übrigens tatsächlich für die Touristen. Ohne Zweifel weil es ein originelles Konzept präsentiert, welches Geschichte, Brauchtum und lokale Produkte in einer authentischen Art vermischt. Diese allegorische Kulisse –natürlich in Stuck- rund um ein animiertes Schauspiel-Dinner, findet man sonst nirgendwo.
7 Es handelt sich genauer gesagt um stachlige Sträucher wie die Mimosen (Mimosa pudica) und die Lantana (Lantana camara) und bei den Bäumen um die Guave aus China oder die Tuava tinito (Psidium cattleianum), um die Schwarzmundgewächse oder Pa’a honu (Miconia Calvescens) oder um Falcata (Molucca albizia) oder um den Tulpenbaum aus Gabun, auch genannt « pisse-pisse » (Spathodea campanulata).
8 Purau (Hibiscus tiliaceus) ist ein Baum, der dem Uferstrich eine Mangroven-Physiognomie gibt. Nono ist ein winziges Insekt (Culicoides), das einen schmerzhaften Biss zufügt, den Sonnenanbeter vor Einbruch der Dunkelheit fürchten.
9Manche Resorts, wie beispielsweise das Hana Iti in Huahine sind Zeugen von systematischen Plünderungen geworden. Das gesamte wiederverwendbare Material wurde fortgebracht, Zimmerwerke, Sanitärmobiliar, Kabel…obwohl diese Anlagen bewacht wurden!
10Die Erben bestehen aus sieben großen Familien, die das Gelände aufteilen. Nämlich die Maioa, Bonnet, Tessier, Salmon, Estall, Paoa et Pater.
11Die übermäßig hohen Gehälter des öffentlichen Diensts (1,8-mal höher als die des Mutterlands (d.h. Frankreich, Anm. Übersetzer)) haben Mitnahmeeffekte verursacht, welcher die erwerbstätige Bevölkerung aus der Privatwirtschaft wegleitet (vor allem Arbeitsplätze im Tourismus, der mit anderen Destinationen in Konkurrenz steht und als wenig einträglich erscheint, sind betroffen). Die Gehälter erzeugen eine künstlich hohe Kaufkraft (was auch die Erträge aus Grundstücksmiete zurückgestuft hat), die sich in einem erhöhten, direktem Konsum und in der Freizeitgestaltung (baden, Boot fahren…) niederschlägt. Das hat sichtbare Folgen, die nicht ohne negative Rückwirkungen (Adipositas-Rate auf Rekordhöhe, Überausstattung mit ATV-Fahrzeugen) auf die Destination selbst sind.
12 In der Tat gibt es drei mögliche Situationen. Entweder eine Wohn-Besetzung des Landes, welches eigentlich nicht in einer Wohnzone liegt, durch seinen Eigentümer. Oder eine Besetzung im Namen eines vererbten Rechts, welches durch die legalen Eigentümer nicht anerkannt wurde. Oder eine nichtamtliche Aufteilung eines Gebietes, welches ungeteilt blieb. Komplizierter ist die Besetzung durch Nicht-Eigentümer, die sich als bezahlte oder ehrenamtliche Hüter des Geländes ausgeben können (Bambridge & alii, 2002 & 2007).
13Diese Verdeutlichung ist interessant. Denn sie stellt das ökologische Gebiet (den Schutz der Lagune) in den Vordergrund, was einen Konflikt mit der Nachbarschaft aufhebt (die Nachbarn des Clubs wollten keine Bungalows auf Pfahlwerken vor ihrem Eigentum).
14Sehr oft ist öffentliches Handeln für die Entwicklung des Tourismus kontraproduktiv, sogar « Leuchtturm-Maßnahme » wie die Beherrschung des internationalen Luftverkehrs. Diese hat 1998 zur Gründung von Air Tahiti Nui (ATN) durch das Territorium geführt. Grund war, gegen den Würgegriff der Low-Cost-Fluggesellschaften, die Polynesien anflogen (nämlich CorsAir und AOM) zu kämpfen. Bis 2003 herrschten Dumping Preise vor, ein Versuch den Segen für den Tourismus halbwegs glaubhaft zu verkaufen. Die Eröffnung neuer Linien zu den als aufstrebend betrachteten Märkten (Osaka/Japan und New York/USA) führte auf der einzigen Linie, die eine gute Auslastungsquote hat (nämlich Papeete, Los Angeles, Paris), zu einer gleichen Flugpreispolitik wie Air France, um genau das Defizit der neuen Zwischenstopps zu überbrücken. Letztendlich charakterisiert die Stilllegung der neuen Linien ab 2008 den Rückzug der Fluggesellschaft zu seinen Anfängen (die Verbindung mit Paris und Los Angeles), aber das zu einem Preis einer kolossalen Verschuldung (2011 betrug die kumulierte Verschuldung 16 Milliarden fcp, d.h. 120 Millionen Euro). Nebenbei zeigt diese Entwicklung an, dass ATN nicht als Werkzeug für den Tourismus (sie hat zu einer Preisanpassung an Air France geführt) konzipiert wurde –oder sie wird nicht mehr dafür gebraucht! – sondern als öffentliche Transportdienstleistung für Polynesier. Das zeigt sich bei der disproportionalen Verteilung von kostenlosen Flugdiensten an die « erweiterten » Familienmitglieder der Angestellten, sowie bei den Prämien, die bei Meilen fällig werden…und natürlich bei der Schuldenübernahme durch die öffentliche Hand…ATN schien auf diese Weise den Polynesiern mehr Reisen zu ermöglichen, während die Touristen dafür zahlten (die Kunden aus dem Mutterland zahlen übrigens zwei Aufschläge, denn zu dem des Flugtickets kommen noch die steuerlichen Mehrkosten für die Übernahme des Polynesischem Defizit hinzu…). Die Folge davon ist eine touristische Brache, die seit 2008 noch schneller wächst (Dokument nr.1).

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