Turigriños Go Home

Sharon R. Roseman

PHTO.2-RosemanAbbildung 1. Turigriños Go Home
Aufgenommen am 1. Juli 2008 mit einer Nikon Coolpix P2 Digitalkamera in Santiago de Compostela, Spanien
Quelle: Roseman, 2008.

Mitten in einer Phase der schweren wirtschaftlichen Rezession waren die Menschen noch damit beschäftigt, die Ergebnisse der spanischen Parlamentswahlen vom 9. März 2008 und die für Anfang 2009 angesetzten Wahlen in der autonomen Gemeinschaft Galicien zu verdauen. Die im Graffito zum Ausdruck kommende Wut wurde verstärkt durch seinen Standort an einer Straße, die zur Kathedrale von Santiago de Compostela führt. Das Gedränge von Menschen, die nach Seelenheil und Souvenirs suchen, steht im Kontrast zu den heraufziehenden Wolken wirtschaftlicher und politischer Besorgnis, die das Bild in anderen Teilen der Stadt bestimmen.

Die Neologismen, die als Aufschrei vom steinernen Gebäude zu vernehmen sind, werden in galicischer Sprache wiedergegeben. ‘Touristen-Pilger’ ist eine Kombination von turi- für turista in galicischer und kastilischer (spanischer) Sprache mit -griño als einer – in diesem Fall parodistisch gebrauchten – Form des galicischen Diminutivs des letzten Teils des Wortes peregrino. Wie üblich bei dieser Art des public street writing kommt dem Wortspiel eine zentrale Rolle zu. Peregrino/a gibt es sowohl in kastilischer als auch in galicischer Sprache. Zu den Synonymen zählen romeiro/a und auch pelegrin/a, die in historischen Wörterbüchern und anderen Texten belegt sind (vgl. Santamarina 2006-2013).

Weniger vertraut und eher verachtungsvoll wird durch das Suffix -iño eine Anpassung an das Galicische im Fall des kastilischen Wortes mangurrino vorgenommen, das eine „faule“ oder „wertlose“ Person bezeichnet (Collins Spanish Dictionary, 2005). Zu den betreffenden Synonymen zählen mangante für eine parasitenhafte Person und mangoleteiro für jemanden, der nicht arbeiten mag (Gran Dicionario Século 21 da Lingua Galega, 2005, p. 797).

Turigriño, mangurriño: Die Kombination dieser beiden Wörter verweist auf die bereits lange bestehende Wendung “Tourist go home” (als Parodie auf den gleichnamigen Film von Jackson und Weyman, 1959).

Diese Aufnahme zeigt einen Grenzbereich der Altstadt, eine Art borderland (Anzaldúa, 1987). In Santiago de Compostela habe ich seit den frühen 1990er-Jahren Grafitti fotografiert, die Warnungen, Beunruhigung, selbstkritischen Humor und Empörung zum Ausdruck bringen. Immer wieder finde ich neue Exemplare außerhalb der Altstadt, die zum UNESECO-Weltkulturerbe erklärt und im Jahr 2000 als europäische Kulturhauptstadt ausgezeichnet wurde. Im Fall dieses Grafittos wurde durch den Standort – und vielleicht durch den gescheiterten oder halbherzigen Versuch es zu entfernen – signalisiert, dass es irgendwie nicht am rechten Ort platziert ist (Douglas, 1966, pp. 35-36).

In Galicien und an ähnlichen Orten können Tourismus und kulturelles Erbe politischen Zündstoff bieten, wenn sie von einigen Menschen dafür verantwortlich gemacht werden, dass die Immobilienspekulation angeheizt wurde und dass Arbeitsplätze in Industrie und öffentlichem Dienst durch schlecht bezahlte, unsichere und häufig saisonabhängige Jobs ersetzt wurden. Zudem gibt es bei der politischen Linken und der politischen Rechten durchaus ambivalente Ansichten darüber, wer von dem Wiederaufleben des als Jakobsweg bezeichneten mittelalterlichen Pilgerwegs nach Santiago profitiert hat. Für Verärgerung sorgen u.a. Menschen, die sich selbst als Reisende bezeichnen und als Pilger verkleidet kostenlos in Unterkünften übernachten, die eigentlich für Gläubige gedacht sind, die sich aufrichtig mit spirituellen Fragen auseinandersetzen (vgl. Frey, 1998).

Die Anwesenheit, Motivationen und Aktivitäten der Gäste sind eng mit der Lokalpolitik verflochten. Wenn die Besucher durch galicische Neologismen verschmäht werden, handelt es sich um nur einen von vielen Bemühungen, um den Anspruch auf Mitbestimmung in einer politisierten Landschaft zu erheben, die sich an lokale Wähler ebenso richtet wie an die dorthin reisenden Touristen und Pilger (Roseman und Fife, 2008). Für die galicische Bevölkerung ist die Cidade Vella (Altstadt) eine Leinwand, auf der sich politische Handlungen und politische Reden manifestieren, auch wenn Grafitti auf den denkmalgeschützten Gebäuden weniger stark verbreitet sind – und wenn sie dort auftreten auch schneller wieder entfernt werden – als in den neueren Teilen der Stadt.

Ein erhöhtes Aufkommen von an strategischen Orten platzierten und gegen den Tourismus gewandten pintadas von bestimmten politischen Einheiten und auch von anonymen Urhebern wurde festgestellt und kommentiert, als ich dieses Foto gemacht habe. Am 1. September 2008 drängte eine lokalpolitische Partei auf Sanktionen gegen die Gruppe Assembleia da Mocidade Independentista (AMI), die ähnliche Grafitti in Sada – einem beliebten Strand in der Nähe der Stadt A Coruña – unterzeichnet hatte (La Opinión Coruña, 2008). Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Gruppe auch Urheber des Grafittos ist, das ich in Santiago de Compostela fotografiert habe.

Am 15. Mai 2011 drangen die Proteste der Indignad@s gegen die Wirtschaftskrise, Korruption und den neoliberalen Kapitalismus, die von vernetzten Gruppen wie der Plataforma ¡Democracia Real YA! (Echte Demokratie jetzt!) und der Juventud SIN Futuro (Jugend ohne Zukunft) organisiert wurden, auf öffentliche Plätze in Spanien vor. In Santiago begannen die Treffen und camp-outs auf der Praza do Obradoiro, dem Platz vor der Kathedrale. Pilger-Touristen und Touristen-Pilger (vgl. Smith, 1992) hatten keine andere Wahl, als zu Zeugen der Botschaften der Aktivisten zu werden, die in diesem Fall aus tragbaren Schildern und mündlicher Rede bestanden und nur wenig Bezug zum historischen Baudenkmal hatten.

Seit 2008 sind Stätten des kulturellen Erbes und Tourismusstandorte in Galicien immer wieder einmal zum Ziel von Grafitti geworden (vgl. Faro de Vigo, 2011; Gómez, 2013). Indessen bemerken viele Menschen ganz wortlos die Ironie, dass die ihnen vertrauten Orte von Arbeitern verlassen werden, die zu Migranten werden müssen, um ein Auskommen zu finden, während dieselben Orte auch weiterhin ihren Besuchern Zuflucht bieten (Roseman 2013). Letztlich können die von den durchreisenden Besuchern produzierten Räumlichkeiten zu einer Kulisse werden, vor der sich breitere politische Diskussionen zuspitzen (Lefebvre, 1991). Wer waren also die mangurriños im Juli 2008? Die sogenannten Touristen-Pilger oder diejenigen Ansässigen, die sich für das historische Erbe stark machen, was in erster Linie den Fremden zu Gute kommt – und von einer manchmal lautstarken Minderheit als eine Form des unbefugten Zutritts gesehen wird?

Referenzen

Anzaldúa G., 1987, Borderlands, la frontera: the new mestiza, San Francisco, Aunt Lute.
Collins Spanish Dictionary, 2005, Collins Spanish dictionary – complete and unabridged, 8th edition, HarperCollins.
URL : WordReference.http://www.wordreference.com/es/en/translation.asp?
spen=mangurrino.
Douglas M., 1966, Purity and danger: an analysis of the concepts of pollution and taboo, London, Routledge & Kegan Paul.
Faro de Vigo, 2011, “Patrimonio elimina pintadas de los edificios del centro histórico”, Faro de Vigo, 12/09/2011.
URL : http://www.farodevigo.es/portada-pontevedra/2011/12/09/patrimonio-elimina-
pintadas-edificios-centro-historico/604521.html.
Frey N.L., 1998, Pilgrim stories: on and off the road to Santiago, Berkeley, University of California Press.
Gran Dicionario Século 21 da Lingua Galega, 2005, Gran dicionario século 21 da lingua galega, Vigo, Editorial Galaxia and Edicións do Cumio.
Gómez M., 2013, “El patrimonio noiés recibe un nuevo ataque en forma de pintada”, La Voz de Galicia, 29/03/2013.
URL: http://www.lavozdegalicia.es/noticia/barbanza/2013/03/29/patrimonio-noies-recibe-nuevo-ataque-formapintada/0003_201303B29C4993.htm.
Jackson S. & Weyman R., 1959, Tourist go home, National Film Board of Canada.
La Opinión Coruña, 2008, “Mobilario urbano aparece con pintadas contra el turismo”, La Opinión Coruña, 01/09/2008.
URL : http://www.laopinioncoruna.es/coruna/2008/09/01/mobiliario-urbano-aparece-pintadas-turismo/217573.html
Lefebvre H., 1991,The production of space, übersetzt von Nicholson-Smith D., Malden und Oxford, Blackwell.

Autor

Sharon R. Roseman
FONCTION RATTACHEMENT EN ALLEMAND

 

Deutsch > Englisch Übersetzung:

Tim Freitag