Megadiversität entlang der Äquatorroute in Ecuador – Sprungbrett oder Hemmschuh für die nachhaltige Entwicklung des Tourismus?

Karl-Heinz Diertl, Adriana Tutillo Vallejo

Ecuador zählt weltweit zu den „hot spots“ der tierischen und pflanzlichen Artenvielfalt. Die landschaftliche Vielfalt des Landes mit dem Amazonas-Tiefland (Amazonía), der bis zu 6.310 m hohen Andenkette (Sierra), der Pazifikküste (Costa) sowie der 1.000 km vom Festland entfernt liegenden Galápagos-Inseln bedingen eine Vielzahl an differenten Ökosystemen. Doch auch die kulturelle Diversität des Landes mit den unterschiedlichen Ethnien, Kulturen, Sprachen, Bräuchen und Traditionen ist beachtlich. Bereits Alexander von Humboldt merkte Anfang des 19. Jahrhunderts an, dass die einzige Konstante in der Geographie Ecuadors seine Vielfalt sei. Diese Diversität birgt ein enormes touristisches Potential, das noch auf eine adäquate Inwertsetzung durch einen nachhaltigen Tourismus wartet.

Zweifelsohne entdecken immer mehr Touristen das kleine Land am Äquator für sich. Seit dem Jahr 2010 stieg die Anzahl ausländischer Touristenankünfte stetig von rund 1 Mio. auf über 1,5 Mio. im Jahr 2014. Die politische Führung unter Rafael Correa hat das Potential des Tourismus als eine Möglichkeit erkannt, den produktiven Sektor zu transformieren und unabhängiger von Importen zu machen. Im Jahr 2014 war nach den Exporten von Öl, Bananen und Shrimps der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle des Staates und stellt daher auch in der zukünftigen strategischen Ausrichtung gemäß des Nationalen Plans „Buen Vivir“ (2013-2017) eine tragende Säule dar.

Wichtiger als der sich auf wenige Feiertage im Jahr kumulierende Inlandstourismus ist zweifelsfrei der konstante Zuwachs ausländischer Touristenankünfte. Um diesem internationalen Markt ein entsprechendes touristisches Angebot unterbreiten zu können, wurden seitens des ecuadorianischen Tourismusministeriums diverse thematische Reiserouten ins Leben gerufen.

Eines der vielversprechendsten Projekte ist wohl die touristische Erschließung der Regionen entlang des Äquators. Getauft mit dem etwas umständlichen Namen Ruta Paralelo Cero (Breitenkreis Null – Route) soll die Route die Sehenswürdigkeiten aus den vier Regionen des Landes (Amazonía, Sierra, Costa und Galápagos) für den Touristen miteinander verknüpfen. Die Idee klingt verlockend: auf der gerade einmal rund 600 km langen kontinentalen Strecke kann der Tourist einen beeindruckenden Querschnitt des Landes in relativ kurzer Zeit erkunden. Hinzu kommt, dass unter der Amtszeit des Präsidenten Rafael Correa die wichtigsten Straßen des Landes erneuert und vielfach ausgebaut wurden, wodurch eine für den Touristen durchführbare zusammenhängende Verbindung der Attraktionen als Route erst ermöglicht wird.

Verlauf der Äquatorroute im kontinentalen Ecuador (2) Abbildung 1. The equator route in continental Ecuador

So attraktiv die Megadiversität des Äquators für den Touristen erscheint, so diffizil ist jedoch die paritätische Inwertsetzung der Regionen für den nachhaltigen Tourismus. Die Ungleichheit bei der sozialen und infrastrukturellen Entwicklung spiegelt sich deutlich in der touristischen Entwicklung wider. Aus diesem Grund werden für die heterogenen Regionen mit ihrer spezifischen Ausprägung von Klima, Morphologie, Kultur, Bräuchen, Sprachen etc. auch individuelle Maßnahmen für die Förderung des Tourismus und Implementierung touristischer Infrastruktur notwendig.

Die drei folgenden Beispiele aus der äquatorialen Sierra, Costa und Amazonía sollen diese Herausforderungen verdeutlichen:

Der kleine andine Hauptstadt-Vorort San Antonio de Pichincha ist Treffpunkt der größten Touristenströme des Landes. Dabei steht weniger der vernachlässigte Ort selbst im Zentrum des Geschehens, als vielmehr das künstlich um das Äquatordenkmal erschaffene Touristendorf Ciudad Mitad del Mundo (Stadt Mitte der Erde). Mit jährlich knapp 600.000 inländischen und ausländischen Besuchern ist es der meistbesuchte Ort des Landes. Besonders auffallend sind jedoch die unzureichende Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in die Entwicklung des Tourismus, die fehlende Steuerung und Verteilung der Touristenströme sowie die nicht vorhandene Interkonnexion mit den umliegenden Sehenswürdigkeiten (z.B. zur rund 3 km entfernten, aber kaum bekannten archäologischen Stätte Pucará de Rumicucho).

Ciudad Mitad del Mundo Abbildung 2. Ciudad Mitad del Mundo vom Äquatordenkmal aus betrachtet

Die äquatorialen Küstenbereiche Ecuadors um die Kantone Jama und Pedernales hingegen sind ausschließlich vom Inlandstourismus geprägt, der sich auf Wochenenden und Feiertage beschränkt. Offensichtlich ist, dass – teilweise bedingt durch die fehlende Grundversorgung mit Trinkwasser und Kanalisation – die Qualität touristischer Angebote und der zugehörigen Infrastruktur unzureichend ist. Dies reicht von der Lebensmittelsicherheit, der Zuwegung und Beschilderung von touristischen Zielen, Bereitstellung touristischer Informationen bis hin zu Service und Sauberkeit in den Beherbergungsbetrieben. So bietet etwa nur ein Drittel der Beherbergungsstätten Frühstück oder andere Mahlzeiten an. Auch die Suche nach Hotels oder touristischen Aktivitäten über Suchmaschinen und Datenbanken im Internet erweist sich als schwieriges Unterfangen. Kaum eine Einrichtung präsentiert sich „gastfreundlich“ im Netz, Online-Buchungen sind in der Regel nicht möglich und in vielen Fällen fehlen gar Schlüsselinformationen wie Adresse oder Telefonnummern etc. Für ausländische Touristen, die überwiegend das Internet für ihre Reiseplanungen nutzen, bleibt die äquatoriale Küstenregion Ecuadors daher meist im Verborgenen.

Strandpromenade von Pedernales Abbildung 3. Strandpromenade von Pedernales

Der Tourismus im äquatorialen Amazonastiefland wiederum beschränkt sich im Wesentlichen auf ein Dutzend Lodges innerhalb des Cuyabeno-Reservats. Diese Unterkünfte werden meist von der Hauptstadt aus geführt und die nahezu homogenen drei-fünftägigen Reisepakete über internationale Reisebüros und das Internet überwiegend an ausländische Besucher verkauft. Die ausschließlich organisierten Reisen lassen allerdings die lokale und indigene Bevölkerung kaum an der Entwicklung und den Einnahmen aus dem Tourismus partizipieren. Selbst von der größten ecuadorianischen Stadt des Amazonasbeckens Nueva Loja, die in den 1970er Jahren als Stützpunkt für die neu erschlossenen Ölfelder der Umgebung gegründet wurde, lernen die meisten Touristen nur den hiesigen Flughafen kennen. Von dort aus werden die Besucher direkt zum Einschiffen an den Cuyabeno-Fluss gebracht. Die wenigen Hotels von Nueva Loja werden fast ausschließlich von Mitarbeitern der Ölfördergesellschaften gebucht.

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Abbildung 4. Cuyabeno-Reservat

Die Beispiele zeigen, dass die Ausgangspunkte für die Entwicklung einer landesquerenden Tourismusroute regional grundverschieden sind, was die Komplexität der Planung und Konzeptualisierung deutlich erhöht.

In einer aktuellen Studie der Autoren sollen nun das vorhandene Potential der megadiversen Äquatorroute untersucht und konkrete Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung und Marktintegration des Tourismus in Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren und dem Tourismusministerium erforscht werden.

Referenzen

Ministerio de Turismo 2015. Principales indicadores de turismo. January 2015. URL: http://servicios.turismo.gob.ec/descargas/Turismocifras/BoletinesEstadisticos/TurismoReceptor/Boletines-estadisticos-reporte-mensual-de-turismo-receptor-enero-2015.pdf (accessed March 31, 2015)..
Mello, Diuner José de. Paraty: Roteiro Histórico do Visitante. Ed. do autor, 1976.
Narjara do Valle Nogueira, Paraty: análise histórica do seu desenvolvimento turístico, Universidade Federal Fluminense, Departamento De Turismo, Niterói 2011

Autoren

Karl-Heinz Diertl
Investigador Prometeo de la Secretaría de Educación Superior, Ciencia, Tecnología e Innovación (SENESCYT), Ecuador.
Adriana Tutillo Vallejo
Investigadora Prometeo de la Secretaría de Educación Superior, Ciencia, Tecnología e Innovación (SENESCYT), Ecuador.