Die Reisebüros im Zeitalter des e-Tourismus - Vergleichende Studie der aktuellen Entwicklungen in Deutschland und Frankreich

Veronika Goertz

Die Dissertationverfolgt das Ziel, einen Beitrag zu den touristischen Intermediären zu leisten. Unter touristischen Intermediären werden hier Reisebüros verstanden. Trotz ihrer zentralen Rolle bei der Buchung von Reiseleistungen stellen Reisebüros häufig bestenfalls ein Kapitel in der touristischen Fachliteratur dar und werden in erster Linie als ein Akteur im Tourismussystem behandelt(Dewailly et Flament, 2000 ; Kirstges, 2000 ; Stock et al., 2003 ; Decroly et al., 2006 ; Frochot et Legohérel, 2010 ; Schulz et al., 2010 ; Freyer, 2011 ; Jégouzo, 2012 ; Mundt, 2012 ; Dörnberg (von) et al., 2013). Ab dem Jahr 2000 und mit dem Aufkommen des Internetvertriebs nahmen die Publikationen über Reisebüros zu.Hauptthemadieser Artikel war vor allem die Desintermediation der Reisebüros, beziehungsweise das Aufzeigen von Überlebensstrategien für Letztere(Klietmann et Borch, 2000 ; Barnett et Standing, 2001 ; Law et al., 2004 ; Bennett et Lai, 2005 ; Dolnicar et Laesser, 2007 ; Suárez Álvarez et al., 2007 ; Tietz, 2007).

Ziel der vorliegendenArbeit ist es, durch eine vergleichende Studie ein besseres Verständnis für Einflussfaktoren auf das Reisebüro-System in Frankreich und Deutschland zu erhalten. Vergleichende Studien sind mit einer Vielzahl von Methoden kompatibel (Tarrow 2010, 32). Die Dissertation bedient sich sowohl quantitativerAnsätze (z.B. Analyse der Reisebürodynamik, Regressionsanalysen, Matching, Analyse von Karten) als auch qualitativerAnsätze (z.B. Interviews und Fotos).Die Studie untersucht, welchen Einfluss politisch-juristische, räumliche, digitale und kulturelle Faktoren auf die Reisebüro-Anzahl in beiden Ländern haben. Dabei bleiben andere Kennzahlen, wie beispielsweise der Reisebüro-Umsatz, die Unternehmensgröße oder die Zahl der Mitarbeiter pro Reisebüromangels Vergleichsdaten auf internationaler Ebene, unberücksichtigt.

Das folgendesechsachsige Polardiagramm fasst die untersuchten Faktoren zusammen und kombiniert diese. Die Achsen stehen fürdie digitalen, räumlichen(Übernachtungen, Einwohner), politisch-juristischen (Regulierung durch den Staat, Haftung durch die Reiseveranstalter) und kulturellenFaktoren. Die gestrichelte Linie stellt Frankreich, die durchgezogene Linie stellt Deutschland dar.

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Diagramm 1 : Einfluss der verschiedenen Faktoren auf die Anzahl der Reisebüros in Deutschland und Frankreich

Die Hauptunterschiede zwischen den beiden Ländern bestehen (1) aufgrund einer unterschiedlichen Regulierungspolitik und unterschiedlicher Vertragsbeziehungen zwischen Reisebüro und Reiseveranstalter und (2) aufgrund der unterschiedlichen Wichtigkeit von Einwohnerdichte und Anzahl Übernachtungen für die Reisebüros.

(1) Einfluss der Regulierungspolitik und der Vertragsbeziehung zwischen Reisebüro und Reiseveranstalter

Unterschiede in der Gesetzeslage beider Länder beeinflussen die Reisebürostruktur. Insbesondere die permissiven Bedingungen ein Reisebüro in Deutschland zu eröffnen, haben im Vergleich zu Frankreich und im Verhältnis zur Bevölkerung zu einem Überangebot an Reisebüros in Deutschland geführt, teilweise auch zu Lasten der Qualität. In Frankreich wurden zwar die Bedingungen ein Reisebüro zu eröffnen, gelockert, diese sind aber immer noch strenger als in Deutschland. Der Staatregelt nach wie vor den Zugang zur Branche. Der offene Marktzugang in Deutschland führt im Vergleich zu Frankreich zu einer größeren Anzahl an Reisebüros und einer Vielzahl von mobilen Reisebüros und Reisebüros im Nebenerwerb (z.B. Reisebüro und Lottoannahmestelle).

Des Weiteren sind die vertraglichen Regelungen zwischen Reisebüro und Reiseveranstalter in den beiden Ländern unterschiedlich. Reisebüros in Frankreich, die eine Pauschalreise verkaufen, behalten einen erheblichen Teil der Verantwortung für den Reiseverlauf. Für deutsche Reisebüros ist das unternehmerische Risiko beim Verkauf von Pauschalreisen geringer: sie treten die Verantwortung für den Reiseverlauf an den Reiseveranstalter ab. Das größere unternehmerische Risiko französischer Reisebüros beeinflusst auch die Anzahl Reisebüros auf dem Markt.

(2) Einfluss der Anzahl Übernachtungen und Einwohner auf die Reisebüros

Die Anzahl Übernachtungen und Einwohnerspielt eine unterschiedliche Rolle für die Reisebüros in Deutschland und in Frankreich. Die Analyse dieser beiden Faktoren zeigt auf, dass in Frankreich die Anzahl Einwohner weniger stark als in Deutschland die Anzahl Reisebüros beeinflusst. In Frankreich ist auch die Anzahl Übernachtungen durch Touristen für Reisebüros relevant. Denn französische Reisebüros können eine Doppelrolle einnehmen und gleichzeitig Reisen für die Anwohner und Ausflüge für Touristen verkaufen. Sie nehmen häufig sowohl eine Entsender- als auch eine Empfänger-Rolle ein. In Deutschland hängt die Verteilung der Reisebüros viel stärker von der Bevölkerungsdichte ab und kann zu 99% durch die Bevölkerungsverteilung erklärt werden. Deutsche Reisebüros nehmen seltener eine rezeptive Rolle ein.

Die Wichtigkeit der Reisebüros ist, vor allem durch die zunehmende Digitalisierung, nicht immer unbestritten. Unsere Arbeit bestätigt die Auswirkungen, die die Digitalisierung auf die Reisebüros hat. Denn in beiden Ländern spielt diese eine zunehmende Rolle im Reisebüro-System, was auch die Kundenbeziehung zwischen Verkäufer und Kunde verändert. Die Reisebüros treffen verstärkt auf einen spezialisierteren und anspruchsvolleren Kunden, der den Empfehlungen des Reiseberaters mit einer gewissen Skepsis gegenübersteht und zunehmend eigenständig vergleicht.

Hinsichtlich des Einflusses der Digitalisierung auf die räumliche Verteilung der Reisebüros zeigen sich zwei Tendenzen. Zwar bleibt eine Innenstadtlage wichtig für die Reisebüros, die das Ziel verfolgen,ihre Marke zu zeigen und in der Fläche präsent zu sein. Reisebüros in der Peripherie können allerdings durch Nutzung der technischen Möglichkeiten und eine entsprechende Spezialisierung (z.B. auf eine bestimmte Destination) Nachteile ihrer räumlichen Lage kompensieren. Die Analyse zeigt, dass für die hochspezialisierten Reisebüros die Lage weniger wichtig ist als vor der „Ära des E-Tourismus“. Die Arbeit zeigt auch, dass einige Reisebüros durch die Umwälzungen des e-Tourismus sogar gestärkt wurden.

Die letzte untersuchte Variabel, die kulturellen Einflussfaktoren, sind insofern relevant, als dass sie die Größe des Marktes bestimmt (z.B. den Anteil der Bevölkerung, der nie verreist; den Anteil der Bevölkerung, die ins Ausland verreist; den Anteil der Bevölkerung, der ein Reisebüro benutzt). Allerdings sind die Kunden, die in Deutschland und Frankreich im Reisebüro buchen, deutlich ähnlicher als erwartet. Das „Sicherheitsbedürfnis“ beispielsweise, welches laut der Literatur vor allem den deutschen Kunden wichtig sei, ist laut unseren Analysen auch für die französischen Reisebüro-Kunden ein wichtiges Verkaufsargument.

Zusammenfassend spielen die 10.000 Reisebüros in Deutschland und 4.000 Reisebüros in Frankreich eine wichtige Rolle für das Tourismus-System. Die Arbeit ist der Reisebürodynamik der beiden Länder nachgegangen und hat Faktoren analysiert, die die unterschiedliche Entwicklung der Reisebüro-Struktur der beiden Länder erklärt. Denn Frankreich stellt hinsichtlich seiner Reisebüro-Dynamik eine Ausnahme dar: Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist die Zahl der französischen Reisebüros in den letzten zehn Jahren nicht zurückgegangen. Das führt zu einer Infragestellung des häufig als kausal beschriebenen Zusammenhangs zwischen dem Wachstum des E-Tourismus und dem Rückgang der Anzahl an Reisebüros. In Deutschland hängt der Rückgang an Reisebüros nicht nur an der zunehmenden Verbreitung des Internets, sondern wird auch durch andere Faktoren beeinflusst, beispielsweise durch den unregulierten Marktzugang.

LITERATUR

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ZUM ZITIEREN DIESES BEITRAGS

Elektronische Referenz :

Veronika Goertz, Die Reisebüros im Zeitalter des e-Tourismus – Vergleichende Studie der aktuellen Entwicklungen in Deutschland und Frankreich, Via@Dissertationen, gepostet 23. Januar 2015.

AUTOR

Veronika Goertz

Veronika GOERTZ wurde an der Universität Pierre Mendès in Grenoble unter der Leitung von Prof. Dr. Bachimon promoviert. Sie ist an das Labor « Politiquespubliques, ACtionpolitique, TErritoires“ (PACTE) angeschlossen und interessiert sich für Forschungsthemen rund um den Tourismus, besonders den Vertrieb über Intermediäre und den e-Tourismus. Derzeit arbeitet sie als Projektleiterin in der Geschäftsentwicklung bei der Deutschen Bahn in Frankfurt.