Hochzeit im Paradies

Hochzeit im Paradies

Eine der ersten Szenen in Mathieu Kassovitz Film L’Ordre et la morale zeigt eine bezaubernde Luftaufnahme der Insel Ouvéa. Es sind seltene Bilder von einem gehobenen Atoll von 132 km2, türkisblaues Wasser, das Atoll der Loyalitätsinseln (Neukaledonien), welche man in der ersten Darstellung von 2011 über das doppelte Drama Ouvéas findet. Am 5. Mai 1988, drei Tage vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl, gelingt es zur rechten Zeit dem Premierminister Jacques Chirac, Gegenkandidat von François Mitterand, in Libyen gefangen gehaltene französische Geiseln nach Frankreich zu überführen. Auf der anderen Seite der Erdkugel findet in Ouvéa ebenfalls eine Geiselbefreiung statt, aber sie endet tragisch. Der Ansturm auf die Grotte von Gossanah endet mit dem Tod 19 militanter Unabhängigkeitskämpfer und zweier Soldaten. Bereits 13 Tage zuvor wurden vier Polizisten bei einem Überfall auf die Brigade von Fayaoué getötet. Ein Jahr später werden Jean-Marie Tijabou und Yéwéné Yéwéné, die beiden Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, von einem extremistischen Kanaken ermordet.

Während Neukaledonien mit den Verträgen von Matignon und (1998) und Nouméa (1998) den Friedensprozess einleiten konnte und auch ökonomische Fortschritte erzielte, konnte sich Ouvéa bisher nicht erholen. Die Ereignisse bleiben einigen so schmerzlich in Erinnerung, dass ein Teil der Bevölkerung die Einstellung der Dreharbeiten auf der Insel forderte. Schließlich wurde der Film in Französisch-Polynesien gedreht. Doch L’Ordre et la Morale erweist sich zunächst als Flop. Der Film verkauft sich im französischen Mutterland nicht gut und wird nach seiner Erstaufführung in Neukaledonien zerrissen, nachdem der einzige Betreiber von Kinos in Nouméa aus öffentlich-rechtlichen Gründen die Ausstrahlung des Filmes verweigert. Schließlich wird der Film doch noch in zahlreichen Einrichtungen ausgestrahlt und schafft es, tausende Menschen zu berühren. Der Film behandelt die Aufstände der Kanaken während der schwierigen 1980er Jahre , welche man heute euphemistisch mit „den Ereignissen“ bezeichnet und von denen sich Ouvéa bis heute nicht erholt hat. Einige Kaledonier meiden Ouvéa und trotz ihrer außergewöhnlichen Naturschönheiten wird die Insel weniger häufig besucht als das benachbarte Lifou oder die Île des Pins. Sogar die australischen Kreuzfahrtschiffe umfahren Ouvéa seit 2009, nachdem Stammesführer im Süden der Insel entschieden haben, Passagierschiffe nicht mehr an Land zu lassen.

Wie werden diese Ereignisse von den Japanern wahrgenommen? Spätestens seitdem die junge japanische Schriftstellerin Katsura Morimura die Insel in den 1960er Jahren entdeckt und ihr als Schauplatz eines erfolgreichen Romans den Beinamen „die Insel, die dem Paradies am nächsten ist“ verliehen hat, genießt Ouvéa bei den Japanern als Reiseziel mit den an Postkarten erinnernden Küstenstreifen einen sehr guten Ruf. Auch die Verfilmung von 1984 wurde zu einem großen Erfolg. Das positive Image der Insel führte dazu, dass ein japanischer Investor – nachdem er das Buch gelesen und den Film gesehen hat – den Bau eines Luxushotels für japanische Touristen auf Ouvéa plante. Nach mehreren Jahren Verhandlung einigte man sich auf den Namen Paradies von Ouvea. Das Hotel wurde in Partnerschaft zwischen den Landbesitzern, der Provinz der Loyalitätsinseln und japanischen Investoren im Jahr 2000 eröffnet. Auch wenn Ouvéas Landschaften mit den weißen Sandstränden als „paradiesisch“ gelten und seine riesige Lagune 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, stagniert der Tourismus. Die Touristen, welche die Insel aufsuchen, kommen vorwiegend aus dem französischen Mutterland, um in Nouméa allein oder bei Familienangehörigen bzw. Freunden für einige Zeit zu leben. Die ausländischen Besucher sind fast ausnahmslos Japaner.

Es fällt auf, dass es sich bei den Angeboten für japanische Touristen vor allem um Kurzaufenthalte von durchschnittlich einer Woche handelt. Außerhalb von Nouméa werden den Japanern vorwiegend day trips per Flugzeug auf die Île des Pins oder nach Ouvéa angeboten, wo sie sich dann für eine oder zwei Nächte aufhalten. Eine weitere Besonderheit ist die Veranstaltung von „romantischen Hochzeiten“, die sich an bereits verheiratete Paare richten und vollkommen legal sind. Da diese Hochzeiten mit vergleichbaren Angeboten in Französisch-Polynesien und auf anderen Pazifikinseln konkurrieren, werden hier nur 300 bis 400 Hochzeiten pro Jahr und insgesamt 18 000 Besucher aus Japan verzeichnet. Die Hochzeiten werden von einer kleinen Zahl spezialisierter Reiseveranstalter vermittelt und finden größtenteils in Nouméa statt. Nur ein paar besonders anspruchsvolle Besucher mit hohem Einkommen wählen Ouvéa als idealen Ort, um das romantische Image der Insel mit ihrer Hochzeit zu verbinden. Auch wenn in der Liebe Geld nur wenig zählt, ist das Angebot sehr teuer. Zu den Flugtickets und der Unterkunft kommen die Kosten für Hochzeitskleider hinzu und die Miete einer „Kapelle“, bei der es sich eher um eine Strandhütte handelt. Weiterhin die Produktionskosten für die unentbehrlichen Hochzeitsvideos und -fotos, die Flugtickets für einen Dolmetscher, einen Kameramann, einen Fotografen sowie für einen Reisebegleiter, der die Hochzeit organisiert. Die vier letztgenannten kommen also für einen Tag auf die „dem Paradies am nächsten gelegene Insel“, was nicht ohne Auswirkungen auf die Besucherstatistik von Ouvéa bleibt. Trotz allem, Akiko und Yoshi* werden sich an den Nachmittag am weitläufigen Strand von Mouli erinnern, an den sich die südlichen Pléiaden anschließen. Doch sie werden L’Ordre et la morale wahrscheinlich niemals sehen und in den ersten Minuten des Films diesen geschichtsträchtigen Ort wiedererkennen, an dem die Erzählung einer dramatischen Geschichte ihren Anfang findet.

*Aus vertraulichen Gründen wurden die Vornamen vom Verfasser geändert. Foto: 20. Juli 2009

ZUM ZITIEREN DIESES BEITRAGS

Elektronische Referenz :

Jean-Christophe GAY, Hochzeit im Paradies, Via@Fotos, gepostet 31. Mai 2012.

URL : http://www.viatourismreview.net/Photographie2_DE.php

AUTOR

Jean-Christophe Gay 

Université Nice Sophia-Antiopolis

Wissenschaftlicher Kodirektor des “Atlas de la Nouvelle Calédonie” (IRD-Kongress)

ÜBERSETZUNG

Lara Miriam Guth

Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg